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Mittwoch, 8. August 2018

Zwischenbilanz 400 Tage

Wir sind nun 400 Tage an Bord und haben nur noch 29 Tage unseres Sabbaticals übrig. Es ist wieder Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Wir haben die gleichen acht Fragen, die ich nach 100 (siehe hier), 200 (siehe hier) und 300 (siehe hier) Tagen gestellt hatte, diesmal für die Zeit vom 30.04.2018 bis 07.08.2018 unabhängig voneinander beantwortet. Wir haben in den letzten 100 Tagen die Strecke von Virgin Gorda (BVI) nach Nantucket, Massachusetts (USA) zurückgelegt.

Was hat dir am besten/am wenigsten gefallen?

Ralf:
Am besten gefallen:
Die letzten 100 Tage waren voll von schönen Erlebnissen der unterschiedlichsten Art. Einen großen Teil der Zeit verbrachten wir in den USA, die viel zu bieten haben. Wirklich auffällig ist für mich die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Amerikaner. Viele haben deutsche Vorfahren, und wenn sie unseren Akzent hören, haben wir sofort ein Gesprächsthema.

Wir waren in vielen Museen. Das liegt am Angebot, aber auch an der Qualität der Häuser. Hier wird exzessiv gespendet, und das Geld wird gut investiert. Wenn es möglich ist, wird ein Erlebnis geboten, also mitmachen und anfassen ist erwünscht. Fast überall gibt es kostenlose Führungen.

Meine Bestenliste:
Mystic Seaport
12 mR segeln
9/11 Memorial
Ellis Island
Die Führung im Rockefeller Center - der Guide war der Knaller
Die Hemmung des Uhrwerks des Bromo Selzer Towers: Denison double three-legged gravity escapement. Sehr clever! In Youtube gibt es eine hervorragende Animation.

Nicht gefallen:
Im ICW haben wir eine Nacht im Alligator River geankert. Das ist ein Naturschutzgebiet. Neben Stechmücken unterschiedlichster Art und Größe haben uns nachts 2 Millionen kleine Mücken überfallen, die unter unserem Cockpitdach Schutz vor dem Wind gesucht haben. Leider sind sie dort gestorben. Beim Wegfegen verwandelten sie sich in eine schwarze Klebemasse.

Wir sind hier in einer amerikanischen Urlaubsregion. Sie sind im Moment alle da, die Urlauber...

Cosima:
Von unserer ganzen Zeit haben mir die letzten 100 Tage insgesamt am besten gefallen. Ich hatte ja schon vermutet, dass ich mich eher zum Norden hingezogen fühle und so ist es auch. Wir sind jetzt in New England und von allen Revieren seit Kontinental-Europa ist das hier das erste, in dem ich gerne noch eine Segelsaison verbringen würde.

Daher gibt es für mich auch viele Highlights. Seglerisch waren das die Langstrecken von den BVIs nach Bermuda und dann von Bermuda nach Beaufort, North Carolina. Beide Überfahren haben sehr gut geklappt und haben viel Spaß gemacht. Schön war auch der Sonnenaufgang auf dem Weg nach New York. Bermuda ist eine wunderbare Insel und Beaufort eine sehr nette Stadt. Gut gefallen haben mir auch Annapolis, Baltimore und Washington DC. Einsame Spitze ist aber New York mit Paul und Leonie und der totale Gänsehaut-Moment war das Ankern vor der Freiheits-Statue – völlig irreal! Klasse war auch das Segeln mit dem „Zwölfer“.

Überhaupt gibt es hier an der Ostküste so viel historischen Boden und so viel zu sehen und zu besichtigen. Alleine die Museen in Washington und New York und die maritimen Museen in St. Michaels und besonders in Mystic Seaport… Die Ankerbuchten und netten kleinen Orte und ganz besonders die vielen netten und interessanten Menschen, die wir unterwegs treffen!

Absoluter Tiefpunkt war ganz sicher der Ankerplatz im Alligator-River. Ich sage nur: Insekten-Alarm. So eine Invasion haben wir glücklicherweise nie vorher oder nachher erlebt… In der Chesapeake Bay war es an einigen Tagen extrem heiß, sehr unangenehm.

Was war die gefährlichste Situation?

Ralf:
Wir hatten keine wirklich gefährliche Situation.

Die größte Gefahr ist meine / unsere Erfahrung. Manchmal versuche ich, seglerische Dinge etwas lockerer zu handhaben, was nicht klug ist. Aber Cosima ist in dieser Hinsicht disziplinierter und sorgt für die richtige Spur.

Bei der Einfahrt in den Beaufort Inlet haben wir beide gepennt. Wir sind nach einer fantastischen Überfahrt nachts um 2 Uhr angekommen. Der Wind war auflandig und ein mächtiger Gezeitenstrom lief uns entgegen. Diese Situation versucht jeder Segler durch ein gutes Timing zu vermeiden, da sich gefährlich steile Wellen bilden. Nach Monaten ohne den Einfluss von Gezeiten hat einfach keiner von uns daran gedacht, die Situation zu überprüfen. Ging aber alles glatt.

Cosima:
Für mich war die gefährlichste Situation ganz eindeutig die Fahrt mit zwei unbeleuchteten und mit Einkäufen beladenen Fahrrädern ohne Beleuchtung im Dunkeln auf einer stark befahrenen Brücke ohne Seitenstreifen. Geblendet durch die entgegenkommenden Fahrzeuge konnte ich Ralf, der direkt vor mir fuhr, praktisch nicht mehr sehen. Dazu kam, dass ich meine normale Brille nicht dabei hatte, was meine Nachtsicht nicht unbedingt verbessert hat…

Zwei Adrenalin-Momente (aber nicht wirklich gefährlich) beim Segeln bzw. Ankern waren für mich die Einfahrt nach Beaufort (dunkel, windig, Gegenstrom, Verkehr) und die Schauerböe mit Winddreher, als wir (zu) dicht an Land vor Anker lagen.

Hast du etwas getan, was du vorher noch nie getan hast?

Ralf:
Ankern vor der Statue of Liberty.
So vieles, dass es den Rahmen sprengen würde. Das waren die intensivsten 100 Tage unserer Reise.

Cosima:
Ja, ich bin nach New York gesegelt und habe vor der Freiheits-Statue geankert… ich habe 400 Tage mit meinem Mann auf wenigen Quadratmetern verbracht… ich habe einen „Zwölfer“ gesteuert.

Wie unterscheidet sich das, was du erlebt hast, von deinen Erwartungen?

Ralf:
Es ist ganz schön warm hier. Vom Breitengrad her logisch, aber ich bin mit dem Bauchgefühl hier angereist. Neuengland =  kalt. Falsch. Nur im Winter.

Die Menschen, die wir hier treffen, sind wesentlich informierter und interessierter am Weltgeschehen, als ich das erwartet hatte. Viele waren schon in Europa, kennen Merkel und Erdogan und finden Trump genauso einen Hammer wie ich.

Cosima:
Meine Erwartungen an Natur und Kultur haben Bermuda und die Ostküste der USA mehr als erfüllt. Die längeren Segelstrecken haben wir sehr gut bewältigt, da hatte ich mir Gedanken gemacht. Nicht erwartet hatte ich, dass die Menschen hier so offen, freundlich und interessiert auf uns zugehen und uns ansprechen und fragen, wo wir herkommen, ob wir hergesegelt sind etc.

Witzig finde ich, dass praktisch jeder uns über seine Verbindung nach Deutschland erzählt: deutsche Vorfahren, schon mal in Deutschland gewesen (z.B. mit der Army), deutsche Brieffreundin, deutschen Freund, Deutsch in der Schule gehabt, kann ein paar Worte Deutsch, deutscher Schäferhund…

Was würdest du rückblickend anders machen?

Ralf:
Das Wetter bestimmt unsere Zeitplanung. Viel ändern kann man nicht. Aber ich würde versuchen, insgesamt einen Monat früher hier zu sein und noch weiter in den Norden segeln. Das ist einfach mehr mein Ding als der Süden.

Cosima:
Auch bei gründlicher Überlegung fällt mir da nix ein. Im Gegenteil, ich bin sehr froh, dass wir nicht von Bermuda nach Europa zurückgefahren sind, sondern uns noch die Ostküste anschauen.

Was würdest du nicht mehr mitnehmen/auf jeden Fall mitnehmen?

Ralf:
Keine Änderung zu meinen vorigen Antworten.

Cosima:
Auf jeden Fall mitnehmen: meine Elektronik (Kameras, Smartphone, PC, Tablet), Seekarten, Handbücher, Reiseführer und meinen Mann. Ansonsten von allem weniger: weniger Kleidung und Schuhe, weniger Schmuck, weniger CDs, DVDs, „richtige“ Bücher…

Besonders freut mich, dass unser Boot so gut für diese Reise geeignet ist. In allen Situationen habe ich mich gut und sicher gefühlt. Das Schiff ist sehr gutmütig, arbeitet hervorragend mit der Wind-Selbststeueranlage, lässt sich gut handhaben und segelt auf fast allen Kursen gut. Das feste Dach ist Gold wert (Danke, Philipp) und durch die zu öffnende Frontscheibe auch in den Tropen angenehm. Ich habe noch kein Schiff gesehen, dass ich gegen unsere alte Lady eintauschen würde.

Was vermisst du am meisten (außer Menschen und Kater)?

Ralf:
Keine Änderung zu meinen vorigen Antworten.

Cosima:
Mit nur noch 29 Tage vor uns vermisse ich nichts, aber ich beginne mich auf das Wiedersehen mit Familie und Freunden zu freuen. Und auf unseren Kater, unsere Wohnung (sorry, Paul und Leonie), mein Bett und die Badewanne, Hildegards Kochkünste, bestimmte Lieblingsessen…

Was erwartest du für die letzten 29 Tage?

Ralf:
Wir sind in einem hervorragenden Segelrevier mit vielen historischen Hafenstädtchen und schönen Ankerbuchten. Boston steht auch noch auf unserer Liste und ich verstehe mich gut mit Cosima. Ich erwarte also noch einen super Monat an Bord der Triton!

Cosima:
Ich hoffe, dass es mit unserem Winterlager und dem Rückflug klappt und dass wir noch ein paar nette Orte in New England besuchen können. Besonders freue ich mit auf Provincetown (das uns mehrfach wärmstens empfohlen wurde) und auf Boston. Vielleich kommen wir ja sogar bis Maine.

Montag, 30. April 2018

Zwischenbilanz 300 Tage

Wir sind nun 300 Tage an Bord und haben ungefähr 3/4 unseres Sabbaticals hinter uns. Es ist wieder Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Wir haben die gleichen acht Fragen, die ich nach 100 (siehe hier) und 200 (siehe hier) Tagen gestellt hatte, diesmal für die Zeit vom 20.01.2018 bis 29.04.2018 unabhängig voneinander beantwortet. Wir haben in den letzten 100 Tagen die Strecke von Martinique über Grenada nach Virgin Gorda (BVI) zurückgelegt.

Was hat dir am besten/am wenigsten gefallen?

Ralf:
Am besten gefallen:
Die Fahrten mit den Kleinbussen waren ein absoluter Hochgenuss. Immer knallvoll, laute Raggae-musik, die Fahrer rasen wie der Henker, die Hupe ist das wichtigste Kommunikationsmittel. Wer bremst, verliert. Gelassene, gut gelaunte Mitfahrer, preisgünstig, flexible Abfahrtzeiten, Haltestellen und Routen. So macht der öffentliche Personennahverkehr Spaß.

Auf den Inseln mit hohen Bergen gibt es viele Flüsse mit Wasserfällen. Sie liegen landschaftlich sehr schön im Regenwald. In deren Pool kann man schwimmen. Es ist wunderbar temperiertes Süßwasser, ein Luxus für uns Segler.

Überall laufen Hühner herum. Häufig ein Hahn mit seinem Harem samt Nachwuchs. Wir wissen nicht, ob sie jemandem gehören, wer die Eier einsammelt oder ob sie irgendwann auf dem Grill landen werden. Auf jeden Fall sind sie alle top in Schuss und ich habe sie gerne beobachtet. Besonders die Hennen mit ihrem zahlreichen Kücken haben mich mich oft zum Lachen gebracht.

Weniger gefallen:
Die Inseln im Norden sind schwer von zwei Hurricanes getroffen worden. Die Schäden sind gewaltig. Ich hatte erwartet, dass die Aufräumarbeiten schon weiter fortgeschritten  sind. Zum Teil sieht es so aus, als sei der Sturm letzte Woche über die Insel gefegt. Das möchte der Tourist natürlich nicht sehen...

Viele Produkte und Dienstleistungen sind sehr teuer. Leider steht die Qualität in keinem Verhältnis zum Preis. Ich hatte deshalb häufig keine Lust, für einen lustlos gemixten Drink oder ein mittelmäßiges Sandwich Geld auszugeben.

Cosima:
Positiv: Nette Begegnungen und gute Gespräche mit anderen Seglern und Einheimischen, Schwimmen und Schnorcheln im angenehm warmen Wasser (das wird mir fehlen). Erkundungstouren über die Inseln, insbesondere mit Quad oder Golfcart. Hop-On-Hop-Off-Busse. Besonders in Erinnerung bleibt die Verfolgungsfahrt in Grenada, um Ralfs verlorenes Portemonnaie wieder zu bekommen.

Weitere Highlights waren für mich die Botanischen Gärten auf Martinique und St. Croix, das Barbecue mit Steelband und Sonnenuntergang in Antigua, Baden in verschiedenen Wasserfällen und Naturpools auf Grenada und Guadeloupe, das unglaublich türkise Wasser in den Tobago Cays, Antigua oder Anegada. Seit Martinique segeln wir in den „Leeward Islands“ und dass bedeutet, schöne und schnelle Überfahrten zwischen den Inseln. Überhaupt ist der Wind hier sehr zuverlässig und wir haben nur wenige Motorstunden gesammelt.

Negativ: eigentlich wenig, 5 Grad weniger könnten nicht schaden… und ich würde gerne besser und schneller laufen und körperlich arbeiten können.


Was war die gefährlichste Situation?

Ralf:
Gefährliche Situationen gab es in diesem Abschnitt der Reise nicht.

Cosima:
Wirklich gefährliche Situationen hatten wir nicht. Unangenehm fand ich, als sich in einer Bucht in Grenada ein großer Katamaran von einer Mooring losgerissen hatte und auf uns zutrieb. Ist aber alles gutgegangen. Allerdings lassen wir seitdem immer das Steuerrad am Platz (sonst hatten wir es manchmal entfernt, um mehr Raum in Cockpit zu haben)…

Und dann war da auch noch die Sache mit unserem Anker, der sich unten in einem Wrack verfangen hatte. Nicht gefährlich, aber schon aufregend, bis der nette Taucher Didier uns wieder befreit hatte.


Hast du etwas getan, was du vorher noch nie getan hast?

Ralf:
Wir waren an verschiedenen Stellen schnorcheln. Das habe ich vorher noch nicht gemacht. Die Unterwasserwelt hat mich zum Teil so gefesselt, dass ich erst aus dem Wasser gegangen bin, als ich zu frieren anfing. Besonders Buck Island war beeindruckend, weil ich eine ganze Zeit in einem Fischschwarm geschwommen bin. Die Kerle hatten keine Angst.

Cosima:
Wieder haben wir natürlich zahlreiche Inseln besucht, auf denen ich nie zuvor gewesen bin: Grenada, SVG, Guadeloupe, Antigua, St. Martin, USVI, BVI… Beim Schnorcheln habe ich wunderschöne Unterwasserlandschaften und eine große Vielfalt von Fischen erlebt – und es gab frische Pizza von einem Pizza-Boot!


Wie unterscheidet sich das, was du erlebt hast, von deinen Erwartungen?

Ralf:
Meine Erwartungen an die Karibik waren nicht besonders hoch. Aber in den letzten Wochen habe ich das Revier schätzen gelernt. Wir haben das Ankern für uns entdeckt und die Abende im Cockpit werde ich bestimmt nie vergessen. Es ist angenehm warm, über mir ist der Sternenhimmel und ich höre mit dem Kopfhörer Musik oder lese.

Auch das Segeln macht hier wirklich Spaß. Immer Wind, immer aus östlicher Richtung, keine Tide, kein Wettergeschehen. So einfach kann segeln sein.

Ich hatte die Karibik gleichförmiger erwartet und befürchtet, dass mir die Zeit lang werden könnte. Aber die Inseln sind sehr unterschiedlich. Ein Segeltag bringt mich in eine andere Welt. Das macht den Aufenthalt hier sehr kurzweilig. Am Anfang brauche ich einen Moment, um mit der neuen Umgebung warm zu werden. Aber nach den ersten Erkundungen mit dem Bus oder einem Sightseeing-Taxi bin ich meistens beeindruckt von der speziellen Schönheit der Insel. Ganz wichtig sind die Einwohner. Wie empfinde ich ihre Ausstrahlung? Bis auf eine Ausnahme habe ich mich auf allen Inseln sehr wohl gefühlt.

Cosima:
Ich hatte ehrlich gesagt erwartet, dass die Karibik nicht so mein Ding ist. Ich habe Städte- und Kulturreisen lieber als Strandurlaube und erwartete, dass mir die Hitze zu schaffen macht und dass ich nicht gut damit zurechtkomme, dass die Menschen wesentlich ärmer sind als wir. Ich hatte auch Bedenken wegen der Sicherheit an Bord.

Es hat sich dann herausgestellt, dass es „die Karibik“ nicht gibt und dass jede Insel ganz unterschiedliche Schwerpunkte hat und sich ganz unterschiedlich anfühlt. Die französischen Inseln gehören zu EU und sind entsprechend europäisch. Die ehemaligen englischen Kolonien, die jetzt fast alle unabhängig sind, haben das unterschiedlich gut hinbekommen. Am ursprünglichsten ist sicher Dominika.

Wir haben St. Vincent und St. Lucia diesmal ausgelassen (wegen Sicherheitsbedenken und Berichten von befreundeten Seglern und aus dem Internet) und auf den anderen Inseln habe ich mich immer sicher und gut gefühlt. Die Menschen waren überwiegend sehr freundlich, höflich und hilfsbereit.

Ich war absolut entsetzt über die Zerstörungen durch die Hurrikane Irma und Maria, insbesondere auf Dominika, St. Martin/Sint Maarten, den US-Virgin Islands und den British Virgin Islands. Auch sechs Monate nach den Stürmen sind noch sehr viele Aufräumarbeiten zu erledigen, gar nicht zu reden von den nötigen Reparaturen. Dadurch, dass viele Hotels und Geschäfte noch geschlossen sind, wird auch kein Umsatz gemacht und dadurch wird es wieder schwieriger, Geld für die Reparaturen zu verdienen. Die Inseln werden Jahre brauchen, um sich zu erholen, aber die nächste Hurrikan-Saison steht schon wieder vor der Tür…


Was würdest du rückblickend anders machen?

Ralf:
Unsere Zeit in der Karibik war für mich ein voller Erfolg und ich würde die Reise im Prinzip wieder so machen.

Cosima:
Da fällt mir auch bei längerem Überlegen nichts Wesentliches ein. Im Gegenteil, ich bin froh, dass wir unsere Pläne mehrfach spontan geändert haben und dadurch sehr schöne Erlebnisse hatten.


Was würdest du nicht mehr mitnehmen/auf jeden Fall mitnehmen?

Ralf:
Ich würde alles wieder so mitnehmen.

Cosima:
Seit dem Englischen Kanal habe ich keine langen Hosen, Socken, langärmlige Oberteile, Jacken, Regensachen etc. mehr gebraucht… Aber ich gehe davon aus, dass das demnächst wieder nötig sein wird. Von meinen Sommersachen habe ich fast nichts verwendet, stattdessen habe ich hier viele leichte Oberteile und preisgünstige Kleider gekauft. Auch die DVDs stehen immer noch nahezu ungenutzt im Regal. Sonst bin ich mit unserer Ausrüstung, was Boot, Elektronik, Ersatzteile, Vorräte angeht sehr zufrieden.


Was vermisst du am meisten (außer Menschen und Kater)?

Ralf:
Ich vermisse im Moment nichts. Ab und zu würde ich mich gerne mit meinen Freunden zuhause treffen. Aber unsere Reise ist endlich, deshalb macht mir das keinen Kummer. In ein paar Monaten sehen wir uns ja wieder.

Cosima:
Jugend, Schönheit und Gesundheit… Sonst habe ich mich wirklich sehr gut an das Bordleben und auch an das Essen gewöhnt. Das Problem mit dem Internet habe ich gelöst, indem ich einfach Datenvolumen von den jeweiligen lokalen Anbietern kaufe und damit gut zureicht komme. Ich werde aber viele Angebote und Möglichkeiten in Deutschland noch mehr zu schätzen wissen.


Was erwartest du für die nächsten 100 Tage?

Ralf:
Mehr Segeln und mehr Kultur.

Cosima:
Als ich mit den 100-Tage-Fragebogen anfing, hatte ich nicht geplant, dass die Abschnitte so gut mit den verschiedenen Abschnitten unserer Reise zusammenpassen würden. Tatsächlich geht unsere Zeit in der Karibik jetzt zu Ende, wir verlassen die Tropen und die Passatzone und machen uns auf den Weg an die amerikanische Ostküste. Ich erwarte wesentlich mehr und unterschiedliches Wettergeschehen, eine ganz andere Welt in den USA, Kanalfahren, Großstädte und Kulturerlebnisse. Ich vermute, dass mir Wetter (kühler) und Landschaft (nordisch) sehr gut gefallen werden.

Freitag, 19. Januar 2018

Zwischenbilanz 200 Tage

Wir sind nun 200 Tage an Bord und haben ungefähr die Hälfte unseres Sabbaticals hinter uns. Es ist wieder Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Wir haben die gleichen acht Fragen, die ich nach 100 Tagen gestellt hatte (siehe hier), diesmal für die Zeit vom 11.10.2017 bis 19.01.2018 unabhängig voneinander beantwortet. Wir haben in den letzten 100 Tagen die Strecke von Lanzarote (Kanarische Inseln) nach Martinique (Karibik) zurückgelegt.

Was hat dir am besten/am wenigsten gefallen?


Ralf:
Das Familientreffen an Weihnachten war eine tolle Sache. Cosima hat das lange im Voraus geplant und als wir dann tatsächlich am Heiligen Abend im Cockpit saßen, fand ich das schon sehr bewegend.
Wir haben über zwei Wochen auf Barbados verbracht und uns dort sehr wohl gefühlt.  Das ist den Barbadians zu verdanken, die offen und freundlich sind. Auch die herzliche Aufnahme im Yachtclub und unsere Zeit am Ankerplatz erinnere ich wirklich gerne.

Wenn mir etwas nicht gefallen hat, lag das an meiner Einstellung oder Erwartungshaltung. Objektiv gibt es keinen Grund zu klagen. Die Triton funktioniert, es sind nur Kleinigkeiten zu reparieren, wir sind soweit gesund, die Atlantiküberquerung hat gut geklappt und auf den Inseln haben wir gute Erfahrungen mit den Bewohnern gemacht.

Ich habe mir nicht gefallen, als wir unser Schiff für die Atlantiküberquerung ausgerüstet haben. Beim Einkaufen von Lebensmitteln liegen Cosimas und meine Vorstellungen weit auseinander. Das ist bekannt. Da es traditionell ihr Job ist, und wir bisher immer gut ausgerüstet unterwegs waren, hätte ich gelassener mit den eingekauften Mengen umgehen können. Denn die Triton ist beim Beladen doch nicht untergegangen....

Cosima:
Was mir am Besten gefallen hat, ist leicht zu beantworten: Das Wiedersehen mit Freunden und Familie, insbesondere, dass wir Weihnachten zusammen mit allen Kindern auf Barbados verbringen konnten. Es war auch schön, dass die Jungs nach und nach gekommen sind, so dass wir in unterschiedlichen Konstellationen zusammen waren. - Auf See hatten wir wunderbare Momente: Sonnenuntergänge, Sternenhimmel, Delfine, unglaublich blaues Wasser… Unsere vielen tollen Landausflüge und besonderes Highlight der Tag beim Pferderennen.

Auf der Negativ-Liste steht für mich ganz oben die Woche vor dem Start zur Atlantiküberquerung, wo ich die Stimmung sehr angespannt und gereizt erlebt habe. Sicher berechtigte Kritik hätte ich mir zu verschiedene Gelegenheiten konkreter und sachbezogener gewünscht. Außerdem hätte ich natürlich gut auf Schmerzen und Einschränkungen durch mein Rheuma verzichten können…

Was war die gefährlichste Situation?


Ralf:
Am Anfang unserer Atlantiküberquerung sind wir in den Einflussbereich eines über die Kanarischen Inseln ziehenden Sturmtiefs geraten. Wir hatten 6 Bft. mit Schauerböen, Wellenhöhe 3 m und segelten am Wind. Eine Welle hat uns unglücklich getroffen und die Triton auf die Steuerbordseite gerollt. Dabei ist ein Scharnier des im Salon eingebauten Rumpffensters gebrochen. Jede weitere Welle hat dieses Fenster ein wenig aufgedrückt und so kam schnell Wasser ins Schiff. Nachdem wir den Schaden entdeckt hatten, konnten wir durch eine Wende die Situation entschärfen. Die anschließende Reparatur war mit Bordmitteln möglich.

Cosima:
Auch hier ist die Antwort einfach: Kreuzen bei Starkwind auf dem Atlantik und auf einmal sehe ich Wasser über den Bodenbrettern hin- und herschwappen. Ein sehr unangenehmes Gefühl und eine aufregende Zeit, bis die Quelle (ein Seitenfenster) gefunden und repariert war.

Hast du etwas getan, was du vorher noch nie getan hast?


Ralf:
Klar. Es gab viele Premieren. Aber 22 Tage non Stop segeln dürfte das herausragendste Erlebnis sein.

Cosima:
Wieder einfach: 22 Tage am Stück gesegelt und den Atlantik überquert! Außerdem viele neue Inseln besucht: Gran Canaria, Teneriffa, Barbados, St. Lucia, Martinique, Dominica. Und ich bin zum ersten Mal mit Flasche getaucht.

Wie unterscheidet sich das, was du erlebt hast, von deinen Erwartungen?


Ralf:
Von der Veranstaltung "Atlantic Odyssey" hatte ich mir mehr versprochen. Die Seminare haben mir keine neuen Erkenntnisse gebracht. Jimmy war auch ganz offensichtlich mit uns Seglern nicht glücklich. Viele junge Segler haben eine ganz andere Entwicklung hinter sich, als das früher üblich war. Eine Atlantiküberquerung steht nicht am Ende einer längeren "Seglerkarriere", sondern wird einfach als Auszeit geplant und durchgeführt.

Die Atlantiküberquerung war erstaunlich kurzweilig und durch unser Crewmitglied Paul auch physisch nicht anstrengend. 4 Stunden Wache und 8 Stunden frei ist sehr komfortabel.

Die Temperaturen in der Karibik haben mir zu Beginn unserer Reise am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Inzwischen habe ich mich gut mit den Gegebenheiten arrangiert.  Grundregeln: Zwischen 11 und 15 Uhr nichts Anstrengendes machen. Für ausreichend Schatten sorgen und so ankern, dass der Passat über das Schiff weht. Dann ist es hier gut auszuhalten.

Cosima:
Atlantiküberquerung: viel besser, als gedacht! Ich hatte mir Gedanken über Wetter, Ernährung und mögliche Langeweile gemacht, aber stattdessen hatten wir überwiegend schnelles und schönes Segeln und für Langeweile war gar keine Zeit.

Karibik: Meine Erwartung war: „zu warm und zu arm“. Hinsichtlich „zu warm“ wurden meine Erwartungen erfüllt. Temperaturen über 30°C sind einfach nicht mein Ding (und bekommen mir auch gesundheitlich nicht gut). Kochen und insbesondere Backen ist wie ein Saunagang. Auch nachts kühlt es nicht wirklich ab. Was ich nicht erwartet hatte, ist dass es auch noch so häufig regnet. In Anbetracht der Tatsache, dass es hier alles üppig und grün ist, hätte ich ja darauf kommen können, aber irgendwie hatte ich Winter = Trockenzeit im Kopf… Jedenfalls ist es immer ein Risiko, die Luken offen zu lassen oder Handtücher oder Wäsche draußen aufzuhängen.

Bezüglich „zu arm“ habe ich die Inseln sehr unterschiedlich erlebt. Mir machen die großen Unterschiede zwischen arm und reich zu schaffen, die hier teilweise ganz unmittelbar nebeneinander zu sehen sind. Das war für mich am offensichtlichsten auf St. Lucia, wo Menschen in kaputten Wellblechhütten in Sichtweite von extremen Luxus-Resorts leben.

Weil meine Erwartungen nicht hoch waren, werde ich dann immer wieder angenehm überrascht, z.B. von Barbados und den netten Menschen dort oder vom Schwimmen und schnorcheln im warmen Wasser.

Was würdest du rückblickend anders machen?


Ralf:
Wir sind bisher immer ohne Reiseveranstalter gesegelt. Die Teilnahme an der Atlantic Odyssey war für mich ein Fehler. Der Starttermin eines Törns sollte nach semännischen Gesichtspunkten festgelegt werden. Wir sind in die Ausläufer eines Tiefdruckgebiets geraten, das uns Flaute, danach Starkwind von vorn und anschließend wieder Flaute beschert hat. Die Wetterprognosen haben das auch so vorhergesagt. Ohne einen Starttermin hätten wir uns noch La Gomra und El Hierro anschauen können und wären dann eine Woche später bei guten Bedingungen losgesegelt.

Cosima:
Eigentlich nicht viel… den Personalausweis mitnehmen, wenn ich mit Bus und Fähre nach La Gomera will… weniger Bananen kaufen (auch die ratzegrünen waren sehr schnell reif)… vorm Losfahren nochmal den Radar kontrollieren… Fruchtnetze anders befestigen…

Was würdest du nicht mehr mitnehmen/auf jeden Fall mitnehmen?


Ralf:
Obst und Gemüse aus der Markthalle.
Das ganze Gedöhns mit dem frischen Obst und Gemüse aus der Markthalle halte ich für Unfug. Für einen längeren Trip kaufe ich in Zukunft wieder das Zeugs aus einem gut sortierten Supermarkt. Das ist nämlich u.a. auf Lagerfähigkeit und lange Haltbarkeit gezüchtet.

Hier auf den Inseln kaufen wir regionale Ware ein. Die schmeckt besser, aber die Lagerfähigkeit ist extrem kurz.

Cosima:
Die CDs und DVSs haben wir immer noch nicht gebraucht… Sonst bin ich mit unserer Ausrüstung sehr zufrieden. Besonders viel Spaß macht mir meine neue GoPro-Kamera.

Was vermisst du am meisten (außer Menschen und Kater)?


Ralf:
Unverändert: Typisch deutsche Lebensmittel wie Brot, Quark, ein Stück heiße Fleischwurst und den Fleischsalat vom Metzger Köhler aus Eich. Und ein Essen von meiner Mutter.
Cosima:
In den ersten 100 Tagen habe ich über das fehlende schnelle Internet gejammert, aber daran habe ich mich jetzt gewöhnt. Selbst die 22 Tage offline auf dem Atlantik waren OK. Ich gebe jetzt halt für Datenvolumen Geld aus, den WLAN ist nach wie vor selten. Sonst sind es eigentlich nur Lebensmittel, die ich vermisse und da ganz besonders Brot und Quark und natürlich das köstliche Weihnachtsessen von Hildegard.

Was erwartest du für die nächsten 100 Tage?


Ralf:
Durch die Kinder waren wir mit uns selbst beschäftigt. Jetzt werden wir wieder andere Segler kennenlernen. Bekanntschaften sind ein spannender und wichtiger Faktor auf einer solchen Reise. Die Inseln und Ankerplätze sind austauschbar. Natürlich bin ich auch auf die Grenadinen gespannt. Viele Bekannte sind schon eine Weile dort, und was sie berichten klingt verlockend.

Cosima:
Die letzten 100 Tage haben Abwechslung und viele Veränderungen gebracht. Wir haben mit der Atlantiküberquerung und der Ankunft in der Karibik im wahrsten Sinne des Wortes Neuland betreten. Und wir haben anregende und intensive Zeiten mit Freunden und Familie erlebt. Mit Carola und Günter haben wir Gran Canaria erkundet, mit Leonie und Paul waren wir auf Teneriffa unterwegs. Dann die Zeit auf dem Atlantik mit Paul und auf Barbados kamen dann noch erst Jan und dann Max dazu. Mit den beiden letzteren waren wir auf St. Lucia und Martinique und schließlich mit Jan noch auf Dominica.

Für die nächsten 100 Tage erwarte ich eine ruhigere Phase. Wir werden „nur“ in der Karibik unterwegs sein und haben keine bestimmten Orte oder Termine, wo wir sein müssen, um einen Flieger zu erreichen. Ich hoffe, dass wir ein paar von unseren Segelfreunden wiedersehen und ich bin gespannt aufs Schnorcheln mit meiner neuen „Darth-Vader-Maske“! 

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Zwischenbilanz 100 Tage

Wir sind nun 100 Tage zusammen an Bord, haben grob ein Viertel unseres Sabbaticals hinter uns und es ist Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Ich habe mir daher acht Fragen überlegt und wir haben diese unabhängig voneinander beantwortet. Wir haben die Strecke Workum (Niederlande) - Lanzarote (Kanarische Inseln) zurückgelegt.

Was hat dir am besten/am wenigsten gefallen?


Ralf:
Positiv:
Ausrüstung: Die Hydrovane Windselbststeueranlage, von uns Sir Henry getauft. Zusammen mit der Triton ein Dreamteam. Sie steuert ohne Energieverbrauch, leise und zuverlässig. Ein angenehmes Crewmitglied.

Segeln: Von Lissabon nach Porto Santo. 500 sm Blauwassersegeln vom Feinsten.
Konstante Windrichtung und optimale Stärke für unser Boot.  Cosima und ich haben als Crew einen Rhythmus gefunden, mit dem wir auch problemlos hätten weiter segeln können.

Land: Keine Auswahl möglich. Wir haben zu viele schöne Orte besucht.

Leute: Wir haben eine Menge nette Segler kennen gelernt. Das Konzert der " Sound of the Vikings" war sicherlich ein Höhepunkt.

Negativ: Das Segeln im Englischen Kanal war kräftezehrend. Kalt, regnerisch und der Wind überwiegend aus der falschen Richtung - von vorn!

Cosima:
Es gab so viele unterschiedliche und tolle Erlebnisse, so dass es echt schwierig ist, einen Favoriten auszuwählen. Segeln nachts unterm Sternenhimmel ist sicher dabei und auch das unglaublich blaue Wasser des Atlantik. Ich habe manchmal stundenlang nur den Wellen und den unterschiedlichen Farben des Wassers zugeschaut. Mir hat es viel Freude gemacht, andere Langfahrtsegler zu treffen und uns auszutauschen. Und es ist sehr schön, dass Ralf und ich uns so gut verstehen!

Mir gefällt auch, dass es so abwechslungsreicht ist: wir haben viel eindrucksvolle Natur und Kultur gesehen, sind Quad, Auto, Dampfzug, Kursschiff, Rad, Beiboot, Segelboot, Straßenbahn, Zug, Bus und Seilbahn gefahren und auf Kamelen geritten…

Am wenigsten gefällt mir, dass ich an manchen Tagen nicht so fit bin und nicht so gut laufen kann, wie ich es mir wünschen würde.

Was war die gefährlichste Situation?


Ralf:
Gefährlich habe ich nichts empfunden. Am längsten hat uns ein Schiff, das nachts ganz langsam in einem spitzen Winkel überholt hat, beschäftigt. Cosima hat es über mehrere Stunden beobachtet und es war nicht klar, ob ein Manöver notwendig ist und wer es ggf. macht. Unser Funkgerät war kaputt, deshalb konnten wir das Schiff nicht ansprechen. Wir haben als Segler in freiem Wasser Wegerecht und letztendlich ist uns das Schiff ausgewichen.

Cosima:
Wirklich gefährliche Situationen haben wir aus meiner Sicht nicht erlebt. Es gab einige, bei denen bei mir der Adrenalinspiegel erhöht war. Eigentlich immer, wenn Ralf bei Wellengang auf dem Vorschiff arbeitet, z.B. refft, ausbaumt oder die Bulle setzt. Auf dem Weg von Porto nach Lissabon waren die Wellen so groß, dass ich mir überlegt habe, was passiert, wenn wir querschlagen. Wir haben daraufhin die Steckschotten eingesetzt und uns im Cockpit angeschnallt.

Am unangenehmsten fand ich die nächtliche Begegnung mit einem Großschiff auf dem Weg von Lissabon nach Porto Santo. Es war Nacht und unsere Funke und der AIS Empfänger gingen nicht. Das Schiff kam in einen sehr spitzen Winkel von hinten und wir hatten ausgebaumt und das Groß festgebunden, so dass wir unseren Kurs nur aufwendig ändern konnten. Das Schiff fuhr relativ langsam und es war längere Zeit nicht klar, ob es vor uns vorbeigehen würde. Als wir gerade etwas unternehmen wollten, hat es dann seinen Kurs geändert.

Hast du etwas getan, was du vorher noch nie getan hast?


Ralf:
Ja. Soviel, dass der Platz nicht ausreicht, um alles aufzuzählen.

Seglerisch unterscheidet sich dieser Törn grundlegend von allen meinen bisherigen Segelreisen. Wir fahren nicht mehr an der Küste entlang, sondern überqueren Teile des Atlantischen Ozeans. Das ist nicht schwieriger, aber die Zeitspannen auf dem Wasser sind einfach länger.

Cosima:
Ja, jede Menge. Ich bin noch nie vorher vier Nächte am Stück auf See gewesen. Ich bin noch nie 100 Tage am Stück auf einem Boot gewesen. Ich habe noch nie so lange mit einem Menschen 24/7 auf ca. 10 qm verbracht. Ab Salcome habe wir nur neue Häfen besucht. Ich war noch nie in Galicien, Portugal, Porto Santo, Madeira, Lanzarote. Ich bin noch nie Quad gefahren oder auf einem Kamel geritten.

Wie unterscheidet sich das, was du erlebt hast, von deinen Erwartungen?


Ralf:
Segeln:
Vom Englischen Kanal und der Biscaya abgesehen, ist das Segeln wesentlich einfacher, als ich es erwartet habe. Es ist um 24 Grad warm, sonnig und moderat windig. Die Gezeiten spielen keine Rolle mehr. Es gibt kein signifikantes Wettergeschehen mit schnell wandernden Tiefdruckgebieten, wie ich es von den nördlichen Breiten kenne. Der Wind kommt i. d. R. aus N-NE, lediglich die Stärke variiert etwas. Deshalb sind die längeren Überfahrten gut planbar und frei von bösen Überraschungen. Das Segelrevier von Galicien, die Rias, haben mir außerordentlich gut gefallen.

Bordleben:
Problemlos wie erwartet. Cosima fotografiert und schreibt, ich repariere und optimiere.

Cosima:
Es ist viel schöner, als ich erwartet habe. Erst einmal hatte ich mir den August in Spanien/Portugal viel wärmer und touristischer vorgestellt. Stattdessen ist das Wetter meistens wirklich angenehm und der Tourismus ist, außer an sehr großen Sehenswürdigkeiten, eher moderat. Die Häfen sind nicht überlaufen und wir haben immer einen Platz bekommen. Porto Santo, Madeira und Lanzarote sind drei sehr unterschiedliche Inseln, die jeweils ihren eigenen Charme haben.

Ich hatte auch Bedenken, wegen des engen Zusammenlebens und der Entscheidungsfindung. Aber bisher verstehen wir uns sehr gut, die Manöver mit dem Boot funktionieren und wir sind uns einig, was die Planung auf dem Wasser und an Land angeht.

Was würdest du rückblickend anders machen?


Ralf:
Boot:
Wenn ich vor der Abreise auch nur geringste Zweifel an der Funktionstüchtigkeit eines Bauteils habe, werde ich das Teil zukünftig austauschen. Sollte es nicht kaputt sein, habe ich ein erprobtes Ersatzteil dabei. Die Teilebeschaffung im Ausland Ist mühselig, langsam und teuer.

Start:
Unser Abreisetermin diente zur Orientierung und war nicht verbindlich. Ich habe mich von empfohlenen Zeitplänen der Segelhandbücher drängeln lassen und nach unserer Abreise noch Ausrüstungsgegenstände eingebaut. Das kostete unnötig Zeit und Kraft. Ein paar Tage länger auf der Werft und alles wäre in Ruhe montiert gewesen. Eine Woche später kann man auch noch problemlos über die Biscaya segeln.

Cosima:
Viel mehr Bücher, Hörbücher, Filme, Serien und Musik noch zuhause mit schnellem Internet herunterladen. Mehr Getränke von zuhause mitnehmen bzw. Gefühlt kaufen wir ständig Getränke ein.

Was würdest du nicht mehr mitnehmen/auf jeden Fall mitnehmen?


Ralf:
Ralf: Meine Schuhe. Seitdem ich in Porto Santo im Crocs-Laden war, habe ich nur noch diese Schuhe an. Es gibt, neben den Standard-Modellen, auch Wander- und Segelschuhe. Wozu brauche ich einen Fersensporn?

Auf jeden Fall würde ich mehr Musik mitnehmen. Die Nachtwachen sind wunderbare Gelegenheiten zum Musik hören. Der Download im Hafen ist wegen des langsamen Internets zeitaufwändig, also besser zuhause alles vorbereiten.

Cosima:
Weniger geschlossenen Schuhe, Socken und lange Hosen (die habe ich nur in England gebraucht). Insgesamt weniger Kleidung, denn es gibt überall Waschmaschinen und es macht auch Spaß, hier etwas Neues zu kaufen. Bisher haben wir auch noch keine DVD angeschaut, aber das wird sich ja vielleicht auf dem Atlantik ändern.

Sehr gut (und jeden Tag im Einsatz) ist meine ganze Elektronik samt dazugehörender 12V Ladegeräte: Smartphone, Tablet, E-Book-Reader, Laptop, Kameras. Bei Kleidung und Schuhen haben sich Funktionshosen, Leggins, ärmellose Tops, Jeanshemd, Crocs und Trekkingsandalen am besten bewährt.

Was vermisst du am meisten (außer Menschen und Kater)?


Ralf:
Bis jetzt noch erstaunlich wenig. Ein gutes Essen meiner Mutter gehört auf jeden Fall dazu. Wenn ich am Boot schraube, wünsche ich mir meine Werkstatt neben an. Da könnte ich Dinge, die hier Stunden dauern, in Minuten erledigen.

Cosima:
Schnelles Internet, schnelles Internet, schnelles Internet. Tanzen und Akkordeonspielen. Ansonsten am meisten Nahrungsmittel wie z.B. dunkles Brot und Frühlingsquark. Erstaunlicherweise nicht die Badewanne und das Bidet.

Was erwartest du für die nächsten 100 Tage?


Ralf:
Die Situation wird sich sehr verändern. Wir waren zu zweit in Europa unterwegs. Jetzt besuchen uns Freunde, Paul kommt sogar mehrere Monate zu uns an Bord. Wir verlassen Europa und sehen hoffentlich unsere Söhne in der Karibik wieder, wo wir noch Weile zusammen an Bord leben werden. Dazwischen lassen wir uns noch drei Wochen auf dem Atlantik durchschütteln. Das wird ein neuer Abschnitt unserer Reise.

Cosima:
Nach 100 Tagen zu zweit an Bord wird sich das jetzt erheblich ändern und es beginnt ab den 19.10. eine ganz neue Phase. Zunächst kommen unsere Freunde Carola und Günter nach Gran Canaria in ein Appartement und wir werden gemeinsam die Insel erkunden. Dann kommt der jüngste Sohn samt Freundin an Bord und wir werden zwei Wochen gemeinsam Segeln.

Leonie fliegt wieder nach Hause und wir werden dann unsere Mitsegler von der Odyssey in Teneriffa kennenlernen, gemeinsam über den Atlantik segeln und dann hoffentlich in Barbados auch noch die beiden älteren Söhne treffen. Ich freue mich also auf die Begegnungen mit Familie und alten und neuen Freunden und bin gespannt und aufgeregt wegen der Atlantiküberquerung.