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Montag, 8. Juli 2024

Tag 49 - Derry: Klar Schiff

Der letzte Tag vor der Halbzeitpause bedeutet wie immer "Packen und Putzen". Wir beginnen damit, zwei Tüten Wäsche in die Wäscherei zu bringen. Auch das Beiboot wird vom Salz befreit, zusammengelegt und verstaut.
Nach Rücksprache mit dem Hafenmeister fahren wir die Triton auf einen Innenplatz am Steg weil sie da etwas geschützter liegt (siehe auch Titelbild).
Wir bauen den Kartenplotter ab und bringen den Außenborder und diverse andere Teile unter Deck. Küche, Bad und Cockpit werden geputzt und dank Landstrom kommt auch der Staubsauger zum Einsatz. Wir haben nur Handgepäck, aber trotzdem sortieren wir Kleidung aus und räumen insgesamt auf - hier der Zustand "vorher".
Wir checken online für unseren Flug ein und suchen die Busverbindungen nach Belfast heraus. Die Listen, was daheim zu besorgen und zu erledigen ist, werden immer länger. Aber schließlich ist alles geschafft und wir fahren zum Abschlussessen in ein nahegelegenes chinesisches Restaurant, das uns sehr gut gefällt. Ich schaue nach dem Wetter: in Derry wird es der wärmste Tag, denn wir in den letzten sieben Wochen in Irland erlebt haben - und in Darmstadt etwa doppelt so heiß. Da steht uns ein Temperaturschock bevor!
 

Sonntag, 7. Juli 2024

Tag 48 - Derry: Viel Geschichte

Weil wir so früh hier angekommen sind, haben wir heute Zeit, uns mit der Geschichte der Stadt zu beschäftigen. Es ist fast völlig windstill, als wir unsere Fahrräder klar machen.
Wir beginnen mit einer Führung in der Guildhall (im Titelbild rechts) - keine Kirche sondern das Rathaus, aber der Architekt hat vorher Kirchen gebaut. Wir sind die einzigen Besucher und haben daher Zeit, unserem Guide Chris fragen zu stellen. Das Gebäude - im neo-gotischen Stil - wurde 1890 gebaut und von der "The Honorable The Irish Society" bezahlt - einer Gesellschaft von 12 Londoner Gilden (dazu später mehr). Entsprechend zeigen die zahlreichen Glasfenster die Wappen der Gilden und die Geschichte von Derry. Hier tagt der City Council, es gibt einen großen Festsaal (mit Orgel) und einen Raum für Hochzeiten. Die Statue von Königin Viktoria in der Vorhalle wurde bei zwei Bombenanschlägen 1972 beschädigt. So fehlen die Krone, das Szepter und eine Hand. Im Sockel sind noch die Spuren der Bombensplitter zu sehen.
Mit besonderem Stolz werden uns die drei Friedenspreise für David Hume gezeigt, der maßgeblich an der friedlichen Lösung des Nordirlandkonfikts beteiligt war. Er erhielt unter anderem den Martin Luther King Award, den International Ghandi Peace Prize und den Friedensnobelpreis.
Zusätzlich gibt es noch eine Ausstellung zum Thema "Ulster Plantation", der organisierten Kolonisierung durch britische Siedler im Norden Irlands.
Unser nächster Weg führt uns ins Tower Museum, wo wir netterweise als erstes einer Ausstellung über die gestern schon erwähnte TV-Serie "Derry Girls" begegnen. Wir sehen die Original-Kulissen und erfahren etwas über die Hintergründe. Auch wenn es eine Comedy-Show ist, so spielt sie doch vor dem Hintergrund der politischen Unruhen in Derry Anfang der 90er Jahre.

Ab hier Beginn Geschichtsstunde:

Alle diese historischen Ereignisse werden dann durch die Ausstellung Geschiche von Derry in die richtige Reihenfolge gebracht. Es beginnt ganz harmlos mit der Gründung eines Kloster durch Saint Colmcille im 6. Jahrhundert. Sowohl Überfälle durch die Wikinger als auch die Besiedelung durch die Normannen verliefen hier undramatisch. Auch wenn Henry VIII sich formal zum König von Irland erklärte und die protestantische Religion einführte, stand die nördliche Provinz Ulster nicht unter englischem Einfluss.

Erst Queen Elisabeth I versuchte, das Problem militärisch zu lösen. Es kam zum Nine-Years-War zwischen gälish-irischen Clanchefs und der elisabethanischen englischen Regierung, der mit einer Niederlage der Iren endete. Die Anführer flohen aus Irland. Diese "Flight of the earls" führte zu einem Machtvakuum. Ihre Ländereien wurden beschlagnamt und neu verteilt.

Und damit sind wir bei der oben erwähnten "Plantation". Neben (protestantischen) Siedlern aus Schottland und Nordengland wurde auch die City of  London, bzw. ihre reichen Kaufleute und Gilden mit an Bord geholt und das Land tatsächlich zwischen ihnen verlost! Das zerstörte Derry wurde samt Stadtmauer neu erbaut und in Londonderry umbenannt. Damit war die Grundlage für weitere politische und religiöse Konflikte gelegt. So wurde während der Auseinandersetzung von die von Protestanten gehaltene Stadt 1689 für 105 Tage von katholischen Streitkräften (erfolglos) belagert (Siege of Derry).

Im Rahmen des irischen Unabhängigkeitskriegs (1919-1921) wurde Irland geteilt. Südirland wurde zum irischen Freistaat und später zur Repubik Irland, Nordirland entschied sich für den Verbleib im Vereinigten Königreich. Das war jedoch keine einstimmige Entscheidung und führte zum Nordirlandkonflikt, der Auseinandersetzung zwischen (katholischen) Nationalisten und (protestantischen) Unionisten.

Gerade Derry spielte dabei eine wichtige Rolle. Hier kam es 1969 zum "Battle of Bogside", der zur Stationierung von Truppen führte und hier wurden beim "Bloody Sunday" während eines Protestets mindestens 14 Zivilisten von diesen Truppen erschossen. Auf der anderen Seite gab es diverse Bombenanschläge der IRA - zB wie oben geschrieben auf die Guildhall.

Erst mit dem Karfreitagsabkommen konnte der Konflikt 1998 beeindet werden - siehe oben John Hume und Friedensnobelpreis.

Ende der Geschichtsstunde.

Wir haben das Gefühl, dass wir jetzt einige grundsätzliche Zusammenhänge besser verstanden haben, insbesondere warum Kolonisierung im 17. Jahrhundert zur Teilung Irlands im 20. Jahrhundert führte. Wie gut, dass eine friedliche Lösung gefunden werden konnte!

Freitag, 5. Juli 2024

Tag 46 - Greencastle-Derry: Wir verlassen die EU

Seit dem Brexit ist die Einreise in das "Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland" schwieriger geworden. Schon gestern haben wir uns als "pleasure craft"  online angemeldet. Wir sind außerem verpflichtet, die gelbe Flagge "Q" zu führen.
Leider ist eine solche nicht an Bord. Letztes Jahr haben wir ein gelbes Spültuch zweckentfremdet und dieses Jahr scheiden wir eine aus einer gelben Stofftasche zu.
Normalerweise wird im Ausland aus Höflichkeit unter der Steuerbordsaling die sogenannte "Gastlandsflagge" geführt. Diese Geste ist aber in Nordirland kompliziert. Der bekannte "Union Jack" wird in Nordirland von den "Unionist" verwendet, die zu UK gehören wollen, während die "Nationalists", die ganz Irland vereinen wollen, die irische Flagge bevorzugen. Unsere irische Freundin Helen hatte uns davon abgeraten, eine der beiden Flaggen zu verwenden. Wir haben daher auf eine Gastlandsflagge verzichtet und Ralf tauscht die irische Flagge, die uns bisher begleitet hat, gegen die Einklarierungsflagge "Q" (siehe Titelbild). Sonst verläuft unsere Fahrt den Fluß Foyle hinauf eher ereignislos. Wir warten, bis die Flut einsetzt und uns Richtung Derry schiebt. Wir treffen nur ein anderes Boot, dass wohl Besucher zu den Muschelfarmen bingt.
Das Fahrwasser ist recht schmal und der wenige Wind kommt eher von vorne, so dass wir unter Maschine fahren. Wir sehen Seehunde...
...und Kormorane, die die wegen der Berufsschiffahrt recht großen Seezeihen sehr gerne als Aussichtsplätze benutzen.
Ganz ungewohnt ist, dass es hier praktisch keine Wellen gibt und das Boot ganz ruhig fährt. Mindestens seit Sligo war die Triton nicht mehr so ruhig, sondern wir wurden vor Anker, an der Mooring, beim Segeln und auch am Steg in Greencastle permanent auf die eine oder anderen Weise hin- und hergeschaukelt. So erreichen wir schnell Foyle Harbour, wo wir uns (über Telefon) anmelden und gesagt bekommen, dass wir einfach einen Platz in der Marina nehmen sollen.
Kurze Zeit später geht es dann unter der 32 m hochen Foyle Bridge hindurch nach Derry (oder auch Londonderry - je nach politischer Überzeugung).
Die Foyle Marina besteht aus zwei langen Stegen, die parallel zum Ufer liegen. Ganz vorne liegen zwei Großsegler und von einem aus gekommen wir Handzeichen und werden zu einem Liegeplatz direkt dahinter dirigiert. Unsere Leinen werden uns abgenommen und wir werden sehr freundlich begrüßt. Wie sich herausstellt, war hier letzte Woche ein Großseglertreffen und Hafenfest mit Pary und Feuerwerk. Captain Roy Kerr vom "Tall Ship LA MALOUINE" läd uns gleich mit an Bord zu einer Besichtigung ein.
Die LA MALOUINE ist eine Brigantine, also ein zweimastiges Schiff, das am vorderen Mast Rahsegel führt. Captain Roy erzählt uns beim Tee, dass sie in Polen gebaut wurde und ihre Karriere als russisches Spionageschiff begonnen hat. Später ist sie dann unter niederländischer Flagge gefahren. Er selbst hat sie in Frankreich gekauft, wohnt ganzjährig auf dem Schiff. Es gibt ca. 20 Kojen und er nimmt regelmäßig Mitsegler mit und besucht verschiedene Großsegler-Treffen. Die Besatzung ist bunt gemischt und auf den ersten Blick Typ Lebenskünstler. Die Altersspanne geht von der 3-jährigen Annabell bis zum Captain, der letztes Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert hat! Wir verabschieden uns und gehen zurück auf die Triton, um noch die 2. Halbzeit des Fußballspiels Deutschland-Spanien zu sehen. Im Cockpit ist tatsächlich Sonne und eine Temperatur von 20 Grad!
Das Spiel der deutschen Mannschaft ist mitreißend und spannend, aber leider nicht so erfolgreich, wie es zu wünschen gewesen wäre... Leider war die Wärme wieder nur ein kurzes Vergnügen, denn im Moment regnet es und heute nacht soll es so richtig kalt werden. Sommer in (Nord-)Irland...
Jetzt freue ich mich noch auf eine (hoffentlich warme) Dusche - die erste seit Sligo - und dann geht es in meinen kuscheligen Schlafsack.