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Freitag, 24. September 2021

Zusammenfassung Sommer 2021


Nach unserer Atlantikrunde 2017-2019 haben wir uns überlegt, wo wir in den nächsten Jahren segeln wollen. Insbesondere wegen unserer Eltern (drei davon 80+) ist es uns wichtig, in Europa zu bleiben, damit wir im Notfall kurzfristig daheim sein können. Grundsätzlich wollen wir wieder zurück in die Ostsee, wo wir die ersten 25 Jahre unseres Seglerlebens verbracht haben. Allerdings wollen wir auf dem Weg dahin noch einiges anschauen. Geplant ist, in mehreren Segelsommern von Holland aus über Frankreich, Spanien, Irland, Schottland und Norwegen schließlich wieder nach Fehmarn zu kommen, wo wir jahrelang unser Winterlager hatten.

Leider ist uns 2020 Corona dazwischengekommen, so dass wir nur etwas an der deutschen Nordseeküste unterwegs sein konnten. Aber in diesem Sommer haben wir wie geplant von den Niederlanden aus die französische Küste der Normandie und der Bretagne erkundet.

Statistik

  • Seemeilen: 917
  • Motorstunden: 63
  • Segeltage: 32
  • Nächte auf See: 1
  • Liegetage: 32
  • Liegeplätze: 30

Niederlande: Workum, Enkhuizen, Amsterdam (Aeolus), Scheveningen

Frankreich (und Kanalinseln): Boulogne-sur-Mer, Dieppe, St-Valery-en-Caux, Le Havre, Honfleur, Deauville, Ouistreham, Caen, St-Vaast-la Hougue, Cherbourg, Diélette – St Helier, Jersey – Iles Chausey (M), Rade de Brehat (A), Roscoff, L’Aber Wrac’h, L’Aber Ildut, Camaret-sur-Mer, Anse de Morgat (A), Morgat, Le Guilvinec, Concarneau, Port Louis, Quiberon (Port Haliguen), Le Crouesty

Dienstag, 13. Juli 2021

Tag 16 - Scheveningen-Nordsee: Gute Bedingungen

Jetzt haben wir geduldig zwei Wochen lang auf den richtigen Wind gewartet (und uns dabei nett beschäftigt) und nun ist er endlich da! Wir wollen die Gelegenheit nutzten und gleich bis nach Boulogne-sur-Mer segeln, dass sind 134 sm. Wir fahren vormittags los, damit wir im Tageslicht ankommen. Für diese Strecke wird auch unser bestes Crewmitglied (meckert nicht, stellt keine Ansprüche, verbraucht keinen Strom und arbeitet klaglos und zuverlässig rund um die Uhr) aktiviert: Sir Henry Hydro - unsere Windselbsteueranlage.
Wir haben kräftigen Wind aus der optimalen Richtung, etwas achterlicher als querab, also schräg von hinten und zumindest am Anfang Schiebestrom, so dass wir teilweise mit 10 kn Richtung Ziel unterwegs sind. Ohne Strom fahren wir optimal ca. 7 kn (das sind knapp 13 km/h, also langsamer als Radfahren). Die Fahrt ist nicht langweilig, denn wir passieren einen großen Windpark (der den Wind beeinflusst)...
...und dann kommen wir an verschiedenen großen Aus- und Einfahrten vorbei, an denen reger Schiffsverkehr herrscht, da heißt es aufpassen, denn im Fahrwasser haben die großen Pötte Vorfahrt und außerhalb des Fahrwassers wollen wir auch nicht unbedingt auf unserem Recht bestehen... Zunächst geht es an der Maasgeul vorbei, der Einfahrt nach Rotterdam, einem der größten Seehäfen der Welt und der größte Europas.
Wir haben vorgekocht und so gibt es ein leckeres warmes Abendessen. Bei dem Wind und den Wellen, die wir haben, wäre Kochen und insbesondere Schnippeln nicht wirklich lustig.
Die nächste Ausfahrt ist dann die Schelde-Mündung, von der es nach Antwerpen geht, nach Rotterdam der zweigrößte Hafen Europas mit entsprechendem Schiffsverkehr. Hier müssen wir uns mit einer großen Autofähre auseinandersetzten, die unvorhersehbar ihren Kurs ändert und auf uns zu kommt - natürlich weichen wir aus... Rot unsere Kurslinie, die wir fahren wollen, grün unsere Track-Linie, die wir tatsächlich gefahren sind.
Ich warte noch, bis wir sicher aus dem Fahrwasser hinaus sind und gehe dann ins Bett, während Ralf die Wache von 22:00 - 02:00 Uhr übernimmt. Wir haben noch einen Wetterbericht empfangen und beschließen im Abendlicht noch ein zweites Reff für die Nacht einzubinden (siehe Titelbild). Damit darf sich Ralf dann im Dunkeln den Weg durch die Untiefen vor der belgischen Küste suchen.

Montag, 12. Juli 2021

Tag 15 - Den Haag: Montags geschlossen

Es gibt eine "Segler-Uhr" auf der statt der Stunden die Wochentage angezeigt werden. So eine hätten wir gebraucht, als wir gestern unseren Museumsbesuch verschoben haben... Wie sich herausstellt, ist das Escher-Museum montags geschlossen. Und auch das Oldtimer-Museum, dass wir uns als Alternative überlegt hatten. Ralf sucht uns eine Führung durch den "Vredespalais" (Friedenspalast) heraus, die wir nachmittags besuchen wollen. Vormittags kümmern wir uns um die weitere Reiseplanung und schauen uns an, welche Häfen in Frankreich für uns in Betracht kommen. Der Wetterbericht meldet für uns günstigen Wind und so wollen wir ein gutes Stück nach Südwesten segeln.
Mit unseren praktischen Fahrrädern sind wir schnell am Friedenspalast. Die Idee zu diesem Gebäude entstand durch die Friedensbewegung und zwei Friedenskonferenzen, die 1989 und 1907 in Den Haag abgehalten wurden. Von 1907 bis 1913 wurde dann der Friedenspalast im Stil der Neorenaissance errichtet (siehe Titelbild), finanziert durch den amerikanischen Mäzen Andrew Carnegie. Heute beherbergt das Gebäude unter anderem den Internationalen Gerichtshof. Wie die Geschichte gezeigt hat, haben die Friedenskonferenzen leider nicht gereicht, die zwei Weltkriege zu verhindern. Auch die World Peace Flame direkt neben an mit ihrem Ring von 196 Steinen aus 196 Nationen (von Deutschland ein Stück der Berliner Mauer) oder die Bänke mit Friedensmotiven sind wohl mehr eine gut gemeinte Absichtserklärung...
Leider ist auch der Friedenspalast - entgegen der Infos auf der Webseite - heute geschlossen und so bleibt und nur der Blick von außen und ein nachdenkliches Gespräch über den Weltfrieden und die Natur der Menschen vor der Tür. Wir fahren noch ein Stück weiter, in ein auf Google Maps empfohlenes Café in einem Buchgeschäft.
Es ist tatsächlich sehr nett mit einer ganz besonderen Atmosphäre. Es gibt keine Karte, aber eine gute Kaffeemaschine und eine Auswahl von selbstgebackenem Kuchen. An vielen Tischen sitzen Leute, die hier am Laptop arbeiten und der verwinkelte Garten ist wirklich hübsch.
Wir haben gerade eine freien Platz draußen ergattert, als es kräftig zu regnen beginnt. Na gut, dann gehen wir eben nach drinnen... Auf allen Ausflügen in Amsterdam und hier hatte ich mein Regencape (umsonst) dabei, nur heute nicht und so werden wir auf dem Rückweg leicht geduscht. Auch auf dem Boot waren ein paar Fenster offen. Der nette Nachbar hat zwar einige zugemacht, aber es ist einiges nass geworden. Ralf tröstet mit: "Ist ja nur Süßwasser!"
Wir bereiten alles für die Fahrt morgen vor - die Navigation ist nicht ganz einfach, denn es geht durch die belgischen Sände mit ihren Untiefen. Geplant ist, in einem Rutsch die 135 sm nach Boulogne-sur-Mer zu segeln - das dauert mindestens 24 Stunden. Wir informieren uns über die Öffnungszeiten der Schleuse vor dem Hafen und hoffen, dass wir zur richtigen Zeit dort ankommen.

Sonntag, 11. Juli 2021

Tag 14 - Nordsee-Scheveningen: Aller guten Dinge sind vier

Die Ansteuerung von Scheveningen bei Nacht ist interessant, weil der Tidenstrom uns versetzt und wir die Hafeneinfahrt daher nicht direkt ansteuern, sondern sozusagen rechts liegenlassen. Das eigentliche Hafenbecken ist sehr geschützt und gut beleuchtet, also ideale Bedingungen, aber es ist auch rappelvoll. Wir legen uns schließlich neben einen Niederländer, der neben einem großen Ausflugsboot liegt. Wir haben schon die Leinen übergeben, als der Eigentümer des Ausflugsboots und mitteilt, dass wir dort nicht bleiben dürfen. Nicht nett... Also müssen wir als drittes Boot in ein anders Päckchen neben einen Dänen, bei dem an Bord schon alle schlafen.
Bis wir unsere Hafenrundfahrt und die zwei Anlegemanöver hinter uns haben, ist es 0:45 Uhr und bis wir alles aufgeräumt haben und schlafen gehen noch später. Um kurz nach 8:00 Uhr klopft es an unserem Schiff: es ist der Nachbar, der in 10 Minuten ablegen will. Also im Halbschlaf rasch anziehen und Platz machen. Wir fahren - mal wieder - ein Runde durch den Hafen und haben diesmal das Glück, eine freie Box zu finden. Ralf geht los, um beim Hafenmeister zu fragen, ob wir da bleiben können. Problem: er ist jetzt außerhalb des Hafen und der ist vergittert und hat ein Zahlenschloss, von dem wir die Kombination nicht kennen... Von innen kann es mit dem schwarzen Drücker rechts im Bild geöffnet werden und ich komme, um Ralf zu retten.
Nach diesen Anstrengungen legen wir uns erst noch einmal etwas hin und holen Schlaf nach. Dann wollen wir mit den Rädern nach Den Haag. Bei Müll wegbringen trifft Ralf den Hafenmeister, der ihm sagt, dass wir  den Liegeplatz wechseln müssen. Also verlegen wir das Boot zum 4. Mal und fahren dann schnell weg, bevor noch weitere Anweisungen kommen. Mittlerweile ist es Mittagszeit geworden und wir haben uns ein "All-Day-Bruch" Café ausgesucht und wollen dann vielleicht noch ins Escher-Museum.
Im Café kommen wir mit einem netten jungen Paar am Nebentisch ins Gespräch. Er spricht sehr gut Deutsch und auf Nachfragen erfahren wir, dass er Deutscher ist (aus Neu-Isenburg!), bei der Bundeswehr und hier für die Nato arbeitet. Sie ist halb italienisch, halb somalisch und hat hier studiert. Überhaupt fühlt sich Den Haag sehr international an, wir hören alle möglichen Sprachen und sehen alle Arten von Nationalitäten. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass viele europäische Institutionen und internationale Firmen hier ihren Sitz haben und es eine Universität gibt. Es wird so spät, dass wir unseren Museumsbesuch verschieben und statt dessen zunächst einen Kunst- und Büchermarkt ansehen.
An den Ständen wird alles Mögliche und Unmögliche angeboten, von alten Meistern, über Porzellan, Möbel, Schmuck, Knuddelkitt bis zu moderner Kunst.
Wir kaufen nichts, haben aber Spaß an Umgebung, Menschen und Verkaufsobjekten. Direkt neben dem Markt steht ein ungewöhnliches Denkmal. Es zeigt auf der einen Seite Johan Rudolf Thorbecke, der 1848 die niederländische Verfassung geschaffen hat, in weißem Marmor und auf der anderen Seite drei Personen aus dem 21. Jahrhundert im Gespräch. Dieser Teil ist aus Edelstahl. Beide Elemente sind durch offene Türen verbunden. Der Künstler Thom Puckey sagt dazu: "One of the essences of democracy is that you try to convince each other with arguments, if necessary in fierce discussions. By having the woman sit with her behind on the table, I immediately show her equalized place in society." Bei genauem Hinsehen sind auch Ralf und ich mit im Bild.
Zur Verfassung passt das Parlamentsgebäude der "Binnenhof". Amsterdam ist zwar die Hauptstadt der Niederlande, aber Den Haag ist der Regierungssitz.
Wir stellen unsere Fahrräder ab und laufen eine kleine Runde durch die Stadt. Vielleicht weil Sonntag ist wirken alle sehr entspannt. Die Staßencafés sind gut besucht und wir lassen die internationale Atmosphäre auf uns wirken.
Auf dem Rückweg essen wir neben unserem Hafens noch ein Eis und besuchen dann den nahegelegenen Zuiderstrand, um die Füße in die - noch recht kalte - Nordsee zu stecken. Ein schöner und abwechslungsreicher Tag in einer sympathischen Stadt. Vielleicht klappt es ja morgen mit dem Museum.

Samstag, 10. Juli 2021

Tag 13 - Amsterdam-Nordsee: Planänderung

Wir lassen es heute morgen gemütlich angehen, denn der Wind ist schwach umlaufend und wir wollen nur die 15 sm nach IJmuiden motoren - das dauert ca. drei Stunden. Daher packen wir in aller Ruhe die Fahrräder ein und bewundern noch das sechs Monate alte Baby vom Nachbarboot. Erst um 12:15 Uhr werfen wir die Leinen los.
Nachdem wir an den Fähren vorbei sind, haben wir eine gemütliche Fahrt, schauen uns die Landschaft an, essen zu Mittag und begegnen den verschiedensten Booten.
Vor der dem Hafen müssen wir noch durch eine Schleuse und eine Brücke, da der Yachthafen von IJmuiden außerhalb liegt.
Als wir so aus der Schleuse fahren, stellen wir fest, dass doch ein leichter Wind weht und zwar aus Nordwest, also für uns von hinten. Wir schauen und an und beschließen spontan, weiter nach Scheveningen zu fahren, wenn möglich unter segeln. Statt in IJmuiden im Hafen auf der Triton zu sitzen können wir das genausogut auf der Nordsee tun und dabei noch Strecke gut machen... Tatsächlich können wir - langsam - segeln und Ralf bringt den Bullenstander an, mit dem der Baum so festgemacht wird, dass er bei Wind von hinten nicht versehentlich auf die anderes Seite schlagen kann.
Nach Scheveningen sind es rund 25 sm und zunächst haben wir noch die Tide gegen uns, so dass wir durch den Gegenstrom noch weiter gebremst werden. Unsere ETA (geschätzte Ankunftszeit) wenn wir so weitermachen ist morgens um 5:00 Uhr...
Aber glücklicherweise müssen wir nur eine Weile warten, Kaffee trinken und lesen bis sich die Tide dreht und wir immer schneller voran kommen. Das Schiff liegt ganz ruhig und so können wir kochen, im Cockpit essen (siehe Titelbild) und nachher spülen. Ralf probiert seinen neu erworbenen Messerschärfer aus.
Nach einem netten Sonnenuntergang habe ich noch Zeit zum Bloggen - ich muss mich fast beeilen, denn nun sieht es so aus, als würden wir kurz vor Mitternacht ankommen!

Freitag, 9. Juli 2021

Tag 12 - Amsterdam: Hafentag

Nach den touristischen Unternehmungen der letzten Tage lassen wir es heute ruhiger angehen. Es gibt einige Arbeiten an Bord zu erledigen. Ich kümmere mich um Finanzamt, Kindergeldstelle und Überweisungen und habe Telefongespräche und Video-Calls im "Boatoffice" während Ralf nach den Relingstützen schaut und eine Dichtung am neuen Deckel für die Backskiste anbringt. Nebenan ist der nette Nachbar auch mit Arbeiten auf dem Boot beschäftigt.
Am Nachmittag fährt Ralf noch einmal in die Stadt, um einen Messerschleifer zu besorgen - er findet einen netten Laden, die "Meesterslijpers" (Meisterschleifer) und ist beeindruckt von der Auswahl. Leider gibt es keine Fotos... Zum Abendessen haben wir eine für uns neue Geschmacksrichtung ausgesucht "vietnamesische Straßenküche" im "Little Saigon" ganz in der Nähe. 
Danach ergänzen wir noch unsere frischen Lebensmittel. Direkt neben unserem Hafen gibt es gleich zwei Supermärkte - heute gehen wir in den eleganteren "Jumbo". 
Wir hatten eine sehr schöne Zeit hier im "Aeolus" - einer ruhigen Oase in der lebhaften Stadt - und auch in Amsterdam. Gut auch, dass wir die Gelegenheit hatten, einiges von der To-Do-Liste abzuarbeiten. Morgen wollen wir nach IJmuiden weiterfahren - in der Hoffnung, dass der Wind auf der Nordsee für uns günstiger wird... 

Donnerstag, 8. Juli 2021

Tag 11 - Amsterdam: 800 Jahre Kunst und Geschichte

Wir haben noch einmal Karten für ein Museum bestellt - heute ist es das Rijksmuseum, das in einem eigens dafür errichteten Gebäude niederländische Kunst zeigt.
Auch dieses Museum wurde 10 Jahre lang aufwendig renoviert und schon der erste Blick auf den Innenhof ist beeindruckend.
Uns ist klar, dass wir nicht alles ansehen können. Das Museum bietet eine eigene App an, die verschiedene Audio-Führungen enthält. Aus der reichhaltigen Auswahl entscheiden wir uns für die "Highlight Gallery of Honor", die Werke aus dem "Goldenen Zeitalter" der Niederlande, also dem 17. Jahrhundert enthält. Als protestantische Republik inmitten von katholischen Königreichen hatte das Land eine Sonderstellung in Europa. Es gab kaum Geburtsadel und reiche Kaufleute, Reeder, Bankiers und Unternehmer bestimmten das politische und gesellschaftliche Leben. Der Ost-Indien-Handel führte zu wirtschaftlichem Wohlstand und der Blüte von Kunst und Kultur. Ober- und Mittelschicht waren Abnehmer für zahlreiche Kunstwerke. Eine Auswahl davon befindet sich in der Ehrengalerie, die dann zum Hauptwerk, Rembrandts Nachtwache, führt.
Unterwegs hören wir uns Erklärungen zu verschiedenen Werken an, darunter ein Stillleben von van Dijck, ein Kinderportrait von Verspronck, die berühmte Windmühle von Ruisdael und verschiedene Werke von Vermeer. Hier gefällt mir besonders eine Straßenszene, die im Zusatzmaterial der App mit der aktuellen Straße verglichen wird.
Schließlich kommen wir bei der Nachtwache an, die bekanntermaßen eine Szene am Tag darstellt. Ungewöhnlich ist, dass die Portraitierten nicht einfach als Gruppe posieren, sondern in Aktion gezeigt werden. Das Bild wird gerade mit verschiedenen Verfahren aufwendig untersucht. 

Wir machen dann einen Sprung ins letzte Jahrhundert und besichtigen die Sammlung 1900-1950, wo ich mir einen Schreibtisch mit Stuhl und Lampe aussuche - allerdings wären mir andere Farben lieber...
Unsere nächste Station ist dann 1950 - 2000, eine Zeit der neuen Freiheit und Liberalität nach dem 2. Weltkrieg und der deutschen Besatzung. Ralf posiert im Titelbild zwischen zwei Kleidern von Paco Rabanne und Emmy van Leersum. Der Einfluss der Flower-Power-Bewegung ist beim "Wombtomb" der Künstlerin Ferdi zu sehen, ein plüschbezogener Sarg, der gleichzeitig eine Vagina ist.
Die ganze Kunst hat uns hungrig gemacht und wir stärken uns im Museums-Café - optisch sehr schön, geschmacklich eher mäßig.
Als letzte Station besuchen wir noch die Abteilung 1800-1900, wo unter anderem Werke von van Gogh zu sehen sind. Uns fallen an einigen Gemälden zusätzliche weiße Schilder auf. Diese bringen die Werke in einen kritischen Zusammenhang zu Sklaverei und Kolonisierung. Dieses Bild zeigt den holländischen König Willem II, der auf eine Petition zur Abschaffung der Sklaverei aus wirtschaftlichen Gründen ablehnend reagierte. Funfact: Die Niederlande sind erst seit 1813 ein Königreich, Willem erst der 2. König. Er hatte fünf Kinder, drei Söhne und eine Tochter. ALLE Söhne hießen mit erstem Namen Willem und die Tochter Wilhelmine...)
Auf dem Rückweg zum Boot werfen wir noch einen Blick auf die vielen verschiedenen Giebel der Häuser, klassisch und modern. Die Dame im roten Kleid erinnert mich an die handarbeitende Frau im Bild von Vermeer.
Wieder beeindrucken uns auch die Vielzahl von Radfahrern, die extrabreiten Radwege und die riesigen Fahrradparkplätze. Neben dem Bahnhof wird gerade ein neues Fahrradparkhaus gebaut...
Nach einem Blick auf die Wetteraussichten - immer noch kein günstiger Wind für die Fahrt nach Südwesten - haben wir uns entschlossen, noch einen Tag in Amsterdam zu bleiben. Allerdings wollen wir uns nicht mehr ins touristische Getümmel stürzen, sondern Arbeiten am und auf dem Boot und im "Boatoffice" erledigen.

Mittwoch, 7. Juli 2021

Tag 10 - Amsterdam: Seefahrt im Museum

Immer, wenn es die Möglichkeit gibt, besuchen wir Schifffahrtsmuseen und wir haben schon eine ganze Menge gesehen - zuletzt in Bremerhaven letztes Jahr. Das in Amsterdam kennen wir noch nicht und so haben wir uns gestern noch Karten gebucht. Heute klappt es besser mit dem Radfahren und der Fähre und so kommen wir pünktlich im Museum an.
Es befindet sich im ehemaligen Marine-Arsenal, dass 1656 auf einer künstlichen Insel errichtet wurde. Da sich die Stadt auf einem ehemaligen Sumpfgebiet befindet, müssen die Gebäude auf Holzpfählen gebaut werden. Alleine unter dem Arsenal befinden sich 2300 Pfähle aus Norwegen. Im Rahmen einer aufwendigen Renovierung wurde der Innenhof mit einer Konstruktion aus Glas und Stahl überdacht, die an die Linien auf alten Seekarten erinnern soll - sehr eindrucksvoll. Um den Echo-Effekt des Raumes zu minimieren, sind im Boden Schlitze angebracht.
Nachdem wir die Architektur bewundert haben, wenden wir uns der Sammlung zu. Es handelt sich um ein modernes Museum, in dem nur relativ wenig Exponate gezeigt werden, diese jedoch interaktiv und mit umfangreichen Erklärungen, auch durch einen ensprechenden Audio-Guide. Wir besuchen zunächst einen Teil, in dem die Seefahrtsgeschichte der Niederlande dargestellt wird. Nach dem 1581 die "Republik der Sieben Vereinigten Provinzen" gegründet worden war und diese den (katholischen) spanischen König abgesetzt hatte, begann der Aufstieg der Niederlande zur führenden Wirtschaftsmacht mit der größten Handesflotte Europas (Goldenes Zeitalter). Dazu trug insbesondere der "Gewürzhandel" mit Indonesien bei. Aus dieser Zeit stammt die "Vereinigte Ostindische Compagnie" (VOC), die erste Aktiengesellschaft, die Gründung der ersten Bank außerhalb Italiens und der Amsterdamer Börse.
Später mussten diese Erfolge dann gegen die Engländer und Franzosen verteidigt werden. Kritisch setzt sich das Museum mit der Kolonialisierung und mit dem Sklavenhandel auseinander. In einer Sonderausstellung wird das Thema Kolonien anhand der Banda-Inseln bearbeitet. Die Autorin zeigt in "I love Banda", wie sich sechs junge Menschen mit dem Thema Vergangenheit, Identität und Jugend auseinandersetzen. Wir besuchen dann das Außengelände und dort ist Ralf natürlich sofort an der "Christiaan Brunings" interessiert, einem dampfbetriebenen Eisbrecher, Baujahr 1900. Er kommt auch gleich ins Gespräch mit einem der ehrenamtlichen Helfer.
Ein weiteres Ausstellungsstück ist die aufwendig restaurierte Königliche Barkasse der Niederlande, die 1818 gebaut wurde und seitdem etwa 30x für zeremonielle Anlässe Verwendung fand, zuletzt zu silbernen Hochzeit von Königin Juliana und Prinz Bernhard 1962. Nach der Restauration ist sie jetzt wieder einsatzbereit, falls ein Monarch das Bedürfnis nach einer Bootsfahrt verspürt. Uns gefällt natürlich besonders gut, dass am Bug nicht nur Neptun dargestellt ist, sondern auch drei "Tritonen", die auf Muschelhörnern blasen.
Als wir zum Mittagessen in den Innenhof zurückkehren, erleben wir noch den Schluss der "Future for the Past" Vorführung, einer interaktiven Führung  und Performance an verschiedenen Orten in Amsterdam, die sich ebenfalls mit der Kolonialgeschichte auseinandersetzt und im Schifffahrtsmuseum endet. 
Nach dem Essen gehen wir dann noch zu den "Navigationsinstrumenten" (siehe Titelbild). Die Instrumente sind uns bekannt, wir benutzen sie (oder ihre modernen Nachfolger) regelmäßig oder haben sogar historische Exemplare daheim. Aber immer gibt es etwas neues zu lernen. Anhand eines interaktiven Logbuchs sehe ich mit Erstaunen, dass die niederländischen Schiffe nach Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung (Südspitze Afrikas) nicht direkt nach Indonesien gefahren sind, sondern erst auf dem gleichen Breitengrad nach Osten, bevor sie auf Nordkurs gingen.
Wir schauen uns noch historische Seekarten an, laufen aber an der Wal-Ausstellung vorbei denn zu diesem Thema haben wir eindrucksvolle Museen auf Madeira, den Azoren oder in Nantucket besucht. Unseren Kaffee nehmen wir vor dem netten Clubhaus von Aeolus und dann ist es für mich Zeit für einen längeren Video-Call in die Heimat. Ralf besorgt noch einiges im Baumarkt und ein neues Fahrradschloss, denn wir wurden hier im Club eindrücklich darauf hingewiesen, dass unsere dünnen Schlösser für Amsterdam nicht ausreichen... Hier ein Beispiel für das hier verwendete Schloss-Format: