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Donnerstag, 23. Juni 2022

Tag 39 - Les Sables d'Olonnes: Vendée Arctique

Die "Vendée Arctique" ist ein nonstop Einhand-Rennen, das mit Booten der IMOCA-Klasse ausgetragen wird (Einrumpf-Boote mit einer Länge von 60 Fuß = ca. 18 m). Es ist eines der fünf Qualifizierungsrennen für die "Vendée Globe" 2024, ein alle vier Jahre stattfindendes Einhand-Rennen um die Welt. Ursprünglich sollten die hier am 12. Juni gestarteten Boote Island umrunden und dann hierher zurück segeln. Aufgrund ungünstigen Wetters wurde das Rennen dann aber östlich von Island beendet und so gibt es keinen spannenden Zieleinlauf. Wir können allerdings die Boote bewundern, die ab 11:00 Uhr (dann ist genug Wasser für 4,50 m Tiefgang im Kanal) in den Hafen einlaufen. Tatsächlich sind auch einige Zuschauer gekommen als der Sieger, Charlie Dalin mit APIVIA, ankommt (siehe auch Titelbild).
Wir schauen uns auch noch die Einfahrt des Zweiten (Jérémie Beyou mit CHARAL)...
... und des Dritten (Thomas Ruyant mit LINKEDOUT) an...
...bevor wir noch auf den kleinen Markt (drei neue Oberteile für mich) und in die Markthallen (Brie und Aprikosen) gehen. Ganz in der Nähe entdecken wir ein kleines Restaurant (Le P'tit Phare), das sehr nett aussieht und beschließen spontan, dort essen zu gehen.
Wir sitzen ganz wunderbar im Schatten unter großen Bäumen, umgeben von blühenden Stockrosen und auch das Essen ist ganz ausgezeichnet und nicht sehr teuer. Wir essen jeweils Menü mit Sommersalat bzw. Mousse aus weißen Bohnen mit Lachs als Vorspeise, Fisch des Tages bzw. Fleisch als Hauptgang und Zitronenmuffin als Dessert - alles köstlich!
Nachmittags wird es dann kühler und bewölkt mit ein paar Regentropfen, was uns aber natürlich nicht davon abhält, die Rennboote noch genauer anzusehen. Die Klasse gibt es seit 1992 und die Klassenregeln schreiben Maximalmaße (Länge, Breite, Tiefgang, Masthöhe) vor, innerhalb derer sich die Konstrukteure der Boote ausleben können. Seit 2015 werden seitliche "Flügel" (Foils) verwendet, auf denen sich die Boote bei den richtigen Wind- und Wellenverhältnissen aus dem Wasser heben können. Die Boote sind sehr stabil gebaut, da sie den südlichen Ozeanen standhalten müssen und auch ältere Modelle (ohne Foils) sind durchaus konkurrenzfähig. Hier ein paar Beispiele der unterschiedlichen Bugformen - rund, eckig, gerade, abgeschrägt, flach, spitz, alles ist dabei:
Hier können wir die APIVIA nun von ganz nah bewundern - sie hat einen ziemlich breiten Hintern mit einem - zum Schutz des Skippers - komplett verkleideten Cockpit.
Die Boote mit Foils können nur schräg am Steg liegen und im Fall von APIVIA muss das Foil noch mit Warnband gesichert werden...
Auf der HUBLOT wechselt die Land-Crew gerade das Großsegel - wir vermuten, damit das teure Rennsegel für die Reise zum Heimathafen geschont wird. Die Boote werden von Sponsoren finanziert und lustigerweise trägt das alte Segel den Namen HUGO BOSS, der früher Sponsor des Bootes war und der jetzt kostenlos Aufmerksamkeit bekommt.
Auch auf einigen der anderen Boote wird gewerkelt, immer interessant das anzuschauen. Es sieht aber so aus, dass diese Boote die harten Wetterbedingungen recht unbeschadet überstanden haben. Alles an Bord ist erstaunlich einfach und übersichtlich gestaltet - wahrscheinlich, damit es mit Bordmitteln während der Langstrecken im Notfall gut repariert werden kann. Das Großsegel auf der HUBLOT funktioniert genauso mit kugelgelagerten Rutschern und Lazies wie unser Groß auf der Triton und auch hier muss jemand in den Mast um die Lazies einzfädeln.
Wir sind sehr froh, dass wir hier geblieben sind, um das Spektakel zu erleben. So viele IMOCAS an einem Ort können nur hier besichtigt werden und es ist schön, es so hautnah zu erleben. Wirklich eine große Leistung, alleine, nonstop und ohne Hilfe von außen die Welt rund um die großen Kaps zu besegeln - Respekt! Hier liegen die Boote jetzt friedlich im goldenen Abendlicht, nur ca. 25 m Luftlinie von der Triton entfernt.
Während ich hier schreibe, sind noch weitere Teilnehmer angekommen, jetzt, nach 23:00 Uhr, ist wieder genug Wasser im Kanal und so können sie endlich im Hafen festmachen.

Mittwoch, 22. Juni 2022

Tag 38 - Les Sables d'Olonne: An Land und auf dem Wasser

Wir wollen uns auf jeden Fall noch die für morgen erwartete Ankunft der Vendée Arctique Teilnehmer anschauen und daher bleiben wir hier. Nachdem wir uns gestern die Stadt südlich der Hafeneinfahrt angesehen haben, ist heute die Nordseite an der Reihe. Als ersten Stop haben wir die Prieuré St. Nicolas ausgesucht, die gleich neben dem Kanal steht. Im Moment ist sie geschlossen, da sie nur für temporäre Ausstellungen verwendet wird. Wir fragen uns, wer die Hochhäuser daneben genehmigt hat, die so gar nicht zu dem historischen Gebäude passen.
Danach fahren wir noch über eine lange Brücke zur Spitze der Nordmole, die von einem großen Leuchtturm beherrscht wird.
Ein Blick auf die Uhr zeigt uns, dass schon wieder fast Mittagszeit ist und daher machen wir uns auf zum nächsten Sandwich-Laden (wer zu spät kommt, den bestraft das Leben...). Wir fahren am Kanal entlang und beobachten, dass auch Frachtschiffe diesen Hafen anlaufen.
Wir kommen rechtzeitig an und genießen unser Picknick mit Blick auf die Hafeneinfahrt. Danach wenden wir uns dem Hinterland zu. Dort gibt es ehemalige Salzwiesen und einen kleinen Flusslauf, der durch eine Schleuse vom Hafenbecken getrennt ist. Kaum haben wir die Einfahrt zum Fahrradweg gefunden, ändert sich die Landschaft und die Stimmung völlig. Eben noch waren wir am offenen Meer mit Möwen, Booten, Felsen und weitem Himmel, nun sind wir in einer lieblichen Flusslandschaft mit einem sehr gut ausgebauten Weg.
Im Internet habe ich gelesen, dass es einen Kajak-Verleih gibt - es war aber nicht ganz klar, ob der außerhalb der Hauptsaison im Juli und August aktiv ist. Wir fahren auf gut Glück hin und können tatsächlich ein Boot ausleihen. Außer uns ist hier wenig los, nur ein anderes deutsches Paar leiht auch ein Boot aus.
Anders als bei unserem Trip auf der Orne letztes Jahr gibt es hier keine Strömung und keine Stromschnellen (schade!) und so paddeln wir friedlich durch die hübsche Landschaft, bis wir unser Ziel, eine Brücke (siehe Titelbild) erreichen.
Am kleinen Fluss gibt es eine sehr nette Häuser - Baustil wie auf den Inseln - die sich gut in die Umgebung einfügen. Leider haben wir außer einem paar Schwänen nicht viele andere Wasservögel gesehen.
Etwas salzwasser-nass geworden fahren wir kurz zum Boot, um die Klamotten zu wechseln, bevor wir das Vendée-Artique-Village besuchen. Auf der offiziellen Seite war angekündigt, dass es dort unter anderem die Möglichkeit gibt, Modelle der Rennboote ferngesteuert zu segeln.
Das Dorf leidet jedoch unter der Tatsache, dass das Rennen in Island beendet wurde und es daher keinen spannenden Zieleinlauf gibt. Viele Angebote wurden abgesagt (auch das Modell-Segeln, schade!) und es gibt heute nur sehr wenige Besucher. Das was sonst im Dorf zu sehen ist, finden wir nicht besonders eindrucksvoll. Allerdings haben wir die Möglichkeit auf den extra gebauten Steg für die rechten Rennboote zu gehen. Hier liegt bereits die "Groupe SÈTIN", die das Rennen vorzeitig abgebrochen hat.
Außer uns ist niemand hier und so haben wir die Möglichkeit, uns die Einzelheiten des Bootes (Leinenführung, Beschläge, Cockpit) genau anzuschauen. Bedauerlich, dass wir es nicht von innen besichtigen können.
Mittlerweile hat die Rennleitung beschlossen, dass die ersten Boote nicht - wie bisher angekündigt - in der Nacht ankommen werden, sondern morgen ab 11:00 Uhr in den Kanal einfahren werden. Mindestens die ersten drei in der richtigen Reihenfolge. Ein Blick auf den Race-Tracker zeigt, dass die einige Teilnehmer schon kurz vor dem Hafen sind.
Wir sind gespannt, ob hier morgen mit vielen Zuschauern gefeiert wird oder ob es weiter so ruhig bleibt wie heute. Ich bin jedenfalls froh, dass ich mir nicht nach 10 Tagen Einhand-Segeln mit wahrscheinlich wenig Schlaf noch eine Nacht auf See in Sichtweite des Hafens um die Ohren schlagen muss!