Mittwoch, 23. September 2020

Tag 46 - Nordsee-Terschelling: Durch die Nacht

Um kurz nach Mitternacht übernehme ich die Wache und mittlerweile ist der Wind so stark geworden, dass wir die Maschine ausschalten können. Ralf bleibt noch oben, denn wir müssen wieder Slalom durch neun Fischer fahren, die sich genau auf unserer Kurslinie amüsieren. Bevor er ins Bett geht, binden wir noch ein Reff ins Groß.

Ich kann zunächst noch auf Kurs bleiben aber dann dreht der Wind von Süd auf Südwest, genau dahin wo wir hinwollen. Ich fahre also so hoch am Wind wie ich kann, bis mein Ansteuerungspunkt im 90 Grad Winkel neben mir ist. Dann will ich Ralf wegen einer Wende (Bug geht durch den Wind, Kursänderung ca. 90 Grad) rufen, als er von selbst nach oben kommt. Wir wenden und der Schiebestrom macht uns so schnell, dass wir noch einen kleinen Umweg fahren, um das Fahrwasser richtig zu erwischen. In der Einfahrt liegt ein Tanker und ein Lotse ist unterwegs... wir sehen also zu, dass wir knapp neben dem Tonnenstrich fahren und  das ist  auch gut so!
In der Abdeckung werden dann die Wellen kleiner und wir fahren das letzte Stück nach Terschelling. Es gibt zwei Möglichkeiten, dorthin zu navigieren: kurz und möglicherweise sehr flach, länger und sicher. Da mein Wahlspruch "better save than sorry" ist, nehmen wir den längeren Weg und kommen so sicher im Hafen an.
Dort ist sichtbar Nachsaison und es gibt reichlich Platz. Wir legen so an, dass der erwartete Starkwind uns von Steg wegdrückt und bauen die Kuchenbude als Wind- und Regenschutz auf. Dann legen wir uns nochmal zum Schlafen hin. Eine Nachfahrt ist zu wenig, um in den richtigen Tag-Nacht-Rhythmus zu kommen. Ralf geht noch einkaufen, ich blogge und sonst passiert heute nicht mehr viel.
Nun können wir den weiteren Wetterentwicklungen entspannt entgegensehen, denn wir haben nur noch rund 40 sm bis nach Workum. Einen Besuch auf Texel haben wir gestrichen, denn die Provinz Nordholland ist vom Auswärtigen Amt als Risikogebiet eingestuft worden.

Dienstag, 22. September 2020

Tag 45 - Norderney-Nordsee: Kurs West

Ab Donnerstag ist Starkwind aus West vorhergesagt und bis dahin wollen wir wieder in Holland sein. Gegenwind macht keinen Spaß und verdoppelt den Weg...
Bis nach Terschelling sind es rund 100 sm und wir müssen wieder durch zwei Seegatten und dabei die Tide richtig erwischen. Heute nacht sind wir durch das Dovetief (oben rechts) nach Norderney eingelaufen, heute wollen wir durch den Schluchter(oben links) hinaus.
Wir fahren bei  Sonne, Hochwasser und völliger Windstille am Nachmittag in Norderney los.
Bei diesen Bedingungen haben wir keine unangenehmen Wellen und gute Sicht. So ist es leicht den Weg zu finden. Nett ist, dass immer mal wieder ein Seehund seinen Kopf aus dem Wasser streckt.
Um im richtigen Zeitfenster nach Terschelling einlaufen zu können, müssen wir einen Schnitt von fünf Knoten fahren. Der Wind soll kommen, aber später eher von vorne, so dass wir wahrscheinlich ein oder zwei Kreuzschläge brauchen werden. Daher dürfen wir nicht trödeln.
Wir erleben einen wunderbaren Sonnenuntergang und fahren auf einem Streifen von flüssigem Gold - wieder eine schöne Stimmung. Neben uns ist ein Fischer unterwegs.
Das ist nur ein Vorgeschmack auf das, was wir in der Nacht erleben... Normalerweise blende ich Boote, die unter 2 Knoten fahren auf unserem AIS aus, denn sonst würden wir im Hafen nur eine schwarze Masse sehen. Fischer schleppen aber ihre Netze teilweise sehr langsam, stehen beim Einholen oder lassen sich treiben, um Arbeiten zu erledigen... Ich schalte daher den Filter aus und das ist gut so, denn hier ist die Hölle los... Gerade vor den Gatten zwischen den Inseln sind Unmengen von (erstaunlicherweise englischen) Fischern unterwegs, die in Rudeln auftreten und unberechenbar kreuz und quer fahren. Dabei haben sie so starke Scheinwerfer an, dass ihre Positionslichter nicht zu erkennen sind...
So ist die Nachtwache nicht langweilig und einige Male müssen wir unseren Kurs ändern, um in ausreichendem Abstand zu passieren. Mittlerweile ist der angesagte Wind gekommen und wir haben wir die Segel oben, lassen aber den Motor noch mitschieben.

Tag 44 - Hörnum-Norderney: Nacht, Nebel und Sonnenschein

Die Langzeit-Wetterprognosen zeigen, dass es Starkwind aus West geben soll, daher beschließen wir, mit dem schwachen Ostwind einen großen Schlag Richtung Winterlager zu segeln. Zu den Inseln führen immer schmale Fahrwasser, oft mit einer Barre, die nur mit ausreichend Wasser zu befahren sind und daher geht es wieder früh los. Um 5:45 Uhr starten wir im pottendicken Nebel.
Wir können unserer Tracklinie von der Einfahrt folgen und tasten uns langsam durch die Dunkelheit an den Tonnen entlang. Selbst die beleuchteten können wir erst sehen, wenn wir direkt daneben sind.
Auch als die Sonne aufgeht, wird es zwar hell, aber wir fahren weiter in unserer Nebelglocke. Wir finden die Ansteuerung und haben dann freies Wasser. Nach und nach löst sich der Nebel auf und wir bekommen blauen Himmel. Wir können die dicken Klamotten ausziehen und selbst ein Fischer ruft uns einen freundlichen Gruß zu. Besonders schön ist es, dass unser neue Gennaker zum ersten mal zum Einsatz kommen kann (siehe Titelbild).
Kurz vor Helgoland bekommen wir einen Anruf über UKW-Funk. Wir haben aktives AIS, das bedeutet, dass wir ständig eine Kennung mit unserem Namen und Rufzeichen aussenden. Daher können uns andere Schiffe direkt ansprechen. Ich bin etwas überrascht, als die Triton von der "Hanseatic Inspiration" gerufen wird. Wie sich herausstellt, will sie gerade zwischen Düne und Hauptinsel einfahren und kann uns nicht ausweichen. Sie bittet uns daher, uns freizuhalten. Kein Problem, denn wir sehen sie ebenfalls über AIS.
Zwischen Helgoland und Norderney - unserem Tagesziel - führen drei große Schiffahrtsrouten in die Flussmündungen und an der deutschen Küste entlang. Diese müssen wir nun überqueren und das ist etwa so, als ob man mit einem Dreirad über die Autobahn fahren will... Vorgeschrieben ist, die Wege rechtwinklig zu kreuzen, was wir etwas zu unseren Gunsten auslegen... Lila sind die Zonen zwischen den Fahrtrichtungen, schwarz meine geplante Route und rot der Kurs, den wir bis zur Tonne in der Mitte gesegelt sind. Danach sind wir brav links abgebogen.
Alles klappt gut und wir haben keine Probleme mit den anderen Schiffen, die vor uns vorbei fahren.
Zwischendurch ist der Wind schwächer geworden, so dass wir etwas unter Motor fahren müssen, aber dann können wir den Gennaker wieder aktivieren. Praktisch ist, die Tasche, die an der Reling befestigt werden kann.
Es ist ein ganz wunderbare Stimmung an Bord. Wir gleiten über das Wasser, kaum Welle, neben uns geht die Sonne unter und dazu hören wir  Musik...
Irgendwann sind es nur noch 8 sm bis zur Ansteuerung. Vor lauter Begeisterung über den neuen Gennaker und die gute Fahrt sind wir jetzt zu früh und es ist noch nicht genug Wasser im Seegatt. Da hilft nur eines: fast alle Segel herunternehmen und treiben lassen...
Nur unter Fock geht es weiter. Vor uns geht der Mond auf und wir haben ein gemütliches Abendessen. Dann wird es noch mal spannend, denn die meisten Tonnen im Dovetief, der Zufahrt nach Norderney, sind nicht beleuchtet. Ich habe alle Positionen nochmals überprüft und genauen Kurs gelegt. Zusätzlich nehmen wir das Radar zur Hilfe. Dort sind die Seezeichen als helle Punkte zu sehen.
So kommen wir gut im Hafen an und sind froh, dass wir das erste große Stück gut geschafft haben. Trotz des schwachen Windes konnten wir - Gennaker sei Dank - den größten Teil der Strecke segeln.

Sonntag, 20. September 2020

Tag 43 - Sylt: Von Ost nach West

Mit unserem Mietauto wollen wir heute weitere Eindrücke von der Insel sammeln und wir beginnen unsere Tour in Wenningstedt an der Friesenkapelle.
Direkt daneben erhebt sich der ca. 5200 Jahre alte Grabhügel "Denghoog" aus der Jungsteinzeit.
Innen liegt ein "Ganggrab" mit einem ca. 6 m langen Gang, der in eine ovale Kammer führt. Sie besteht aus 12 Tragsteinen und drei mächtigen Deckensteinen, die bis zu 18.000 kg wiegen.
Wir wandern weiter auf historischen Spuren, aber jetzt in Keitum und im 18. Jahrhundert, denn wir besuchen das "Altfriesische Haus".
Hier lebte eine Kapitänsfamilie und die Einrichtung ist noch originalgetreu erhalten. Oben links die Stube, unten links die Schlafkammer, oben rechts der "Pesel", der Raum "für gut", der nur zu besonderen Anlässen benutzt wurde (und nicht beheizt werden konnte). Unten rechts der Arbeitstisch in der Küche und in der Mitte die Feuerstelle. An den Außenwänden sind holländische Fliesen als Schutz vor Feuchtigkeit, die Innenräume sind aus bemalten Holz. In fast allen Räumen sind Alkovenbetten, die mit Bettpfannen vorgewärmt werden konnten.
Ein weiterer Teil des Hauses erinnert an den früheren Bewohner Christian Peter Hansen (1803-1879), der als Lehrer und Küster arbeitete und als Chronist der Insel bekannt wurde. Unter anderem schrieb er den ersten Reiseführer: "Wegweiser für Badende in Westerland". Er sammelte friesische Sagen und alle möglichen Erinnerungsstücke und begründete das erste Museum.
Wir werfen noch einen Blick auf die Kunstgalerie Witthus, die aber leider Sonntags geschlossenen ist.
Nun geht es in den Hauptort Westerland - wo wir einen netten Platz im Parkhaus haben - und dann die Friedrichstraße hinunter zu Strand. Nett, aber eben eine Einkaufsstraße mit den üblichen Geschäften.
Unsere nächste Station ist Kampen, wo wir etwas auf den Spuren meines Onkels und meiner Tante Heide Dahl wandern. Sie hatte jahrelang eine kleine Galerie bei der berühmten "Kupferkanne".
Heute stehen leider lange Schlangen vor dem Café und so mache ich nur ein paar Bilder von den Skulpturen und wir trinken unseren Kaffee lieber im Ort.
 Dort finden wir neben dem "Gogärtchen" das Haus, in dem Heide früher wohnte. Wie alle Häuser in Kampen hat auch dieses ein Reetdach.
Wie gestern beenden wir unsere Besichtigungen an einem Kliff, heute am "Roten Kliff" zwischen Kampen und Wenningstedt. Zunächst amüsieren wir uns über den "Steineverkauf" bei dem sogar mit PayPal bezahlt werden kann...
...und dann über die anderen Besucher, die eifrig am "Selfiepoint" (Schild auf dem Boden) Selbstporträts schießen.
Es ist aber auch wirklich eine schöne Stelle mit dem roten Stein in der Abendsonne.
Die Strandkörbe werfen lange Schatten während die Sonnenstrahlen immer flacher werden.
Leider können wir nicht bis zum Sonnenuntergang warten, denn wir müssen zurück nach Westeland und das Auto wieder abgeben. Dann fahren wir mit dem Bus zurück nach Hörnum und mit den Fahrrädern zum Boot. Sie werden gleich verpackt, denn morgen wollen wir früh los Richtung Heimat, bzw. Winterlager in Holland.

Samstag, 19. September 2020

Tag 42 - Sylt: Von Süd nach Nord

Unser Autovermieter ist in Westerland und daher machen wir uns mit dem Bus auf den Weg. Netterweise können wir die Fahrräder mitnehmen. Weniger schön ist es, in einem rammelvollen Bus zu sitzen und ich fühle mich dabei - trotz Masken - nicht gut.
Aber dann können wir unseren kleinen Kombi am Bahnhof abholen. Wir verpacken die Räder und fahren gleich bis zur Nordspitze nach List. Dort ist die ursprüngliche Gosch Fischbude. Jügen Gosch ist ursprünglich Mauer und in den 60er Jahren durch ein Bauprojekt nach Sylt gekommen. Zusätzlich verdiente er mit Fischverkauf am Strand etwas Geld. 1972 eröffnete er die erste Fischbude in List am Hafen. Mittlerweile hat ein Imperium mit 11 Restaurants alleine auf Sylt, einem Online-Versand und 20 Francise-Nehmern in verschiedenen deutschen Städten.
Aus der kleinen Fischbude sind auch in List mehrere Hallen geworden und der Laden brummt. Wir essen im Selbstbedienungsteil - absolut professionell, in wenigen Minuten ist das  Essen fertig und es schmeckt ganz aussgezeichnet! Ralf hat schon diverse Matjes  gegessen und diese hier sind die besten!
Wir schlendern noch eine Runde um den Hafen und entdecken dabei die "Sylt Art Fair". Die Düsseldorfer Galerie Geuer & Geuer zeigt dort wechselnde Werke zeitgenössischer Künster, die natürlich auch käuflich erworben werden können.
Leider haben die Preise für uns 1-2 Nullen zuviel... Sonst hätten wir vielleicht ein dreidimensionales Kunstwerk von David Gerstein gekauft, der mehrer Ebenen von bemalten Figuren vorenander setzt oder eines der überdimensionalen Unterwasserfotos von Gaby Fey.
Statt dessen besuchen wir das Erlebniszentrum Naturgewalten, das auch direkt am Hafen von List liegt. Es hat drei Themenräume, jeweils mit einem Rundgang und vielen interaktiven Stationen. Wir bekommen Kopfhörer, die wir überall einstöpseln können, um die Texte zu hören.
Wir besuchen "Leben mit Naturgewalten" und schauen uns Tiere, Pflanzen und Natur in und um Sylt an. Es gibt sogar eine Webcam zu den Seehundsbänken, aber die haben wir ja gestern in natura gesehen. Eindrucksvoller ist der Bereich "Kräfte der Nordsee", der sich mit Wind, Wellen und Gezeiten beschäftigt. 
Die längste Zeit verbringen wir im Themenbereich "Klima, Wetter, Klimaforschung". Wir wissen zwar schon einiges und haben auch in anderen Museen Ausstellungen dazu gesehen, aber hier sind die Zusammenhänge besonders eindrucksvoll dargestellt. Es gibt verschiedene Animationen zu Wolken, Winden, Strömungen und Wassertemperaturen und dazu, wie sich diese Systeme gegenseitig beeinflussen.
Eigentlich wollten wir noch bis zur Nordspitze auf dem Ellenbogen fahren, aber wir haben zu viel Zeit im Museum verbracht. Daher gehen wir noch kurz in der "Eis-Manufaktur" vorbei (nicht ohne Eis und Kaffee zu probieren) und fahren dann zum Morsumer-Kliff. Das hatte uns heute Morgen eine nette Dame an der Bushaltestelle empfohlen. Unterwegs kommen wir ein an einer Freilandhaltung von Hühnern vorbei, die sich sehr für Ralf interessieren und begeistert angerannt kommen.
Mehrere Hühner sind aus dem Gehege entkommen und wollen jetzt gerne wieder hinein. Leider sind wir nicht schnell genug, um sie zu fangen und über den Zaun zu heben...
Am Kliff kommen unsere Fahrräder zum Einsatz, um vom Parkplatz zum Aussichtspunkt zu fahren. Die Formation beeindruckt uns nicht besonders...
...aber die Landschaft ist im Abendlicht wirklich schön!