Donnerstag, 23. November 2017

Atlantik 5: Steile Lernkurve

Aus meiner Erfahrung lerne ich immer sehr viel, wenn ich etwas zum ersten Mal mache. Und so ist es auch mit dieser Reise. Wir haben viel gelesen, versucht, Probleme vorherzusehen und uns mögliche Lösungen überlegt. Aber was in der Theorie schön klingt, muss sich erst einmal in der Praxis bewähren.
Zu meiner Morgenroutine gehört auch, die Frischvorräte zu kontrollieren, die im Vorschiff gelagert sind. Zuerst die gute Nachricht: die Apfelsituation ist entspannt! Auch den Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln in ihrem dunklen Schapp geht es gut. Die Zitrusfrüchte haben ihre eigene Hängematte und da gibt es leider jeden Tag ein oder zwei Verluste – mal sehen, wie sich das entwickelt.
Im Seminar und auch in Büchern empfohlen, Bananen in unterschiedlichen Reifegraden zu kaufen: gelb, hellgrün und dunkelgrün, so dass wir sie nach und nach essen können… Leider hat das nicht funktioniert, denn sie sind nahezu alle gleichzeitig reif geworden. Selbst verpflichtendes Bananenessen, Nutella-Bananen und Bananen-Brownies konnten nicht verhindern, dass heute die letzten über Bord gehen mussten…
Neben der Versorgung mit frischen Lebensmitteln ist auch die Entsorgung von Müll zu bedenken. Und bei organischem Müll gibt es nur die Option, diesen über Bord zu werfen, denn ein Komposthaufen ist nicht wirklich machbar. Auf der anderen Seite ist klar, dass Plastik auf keinen Fall das Boot verlassen darf. Da wir keinen Wassermachen haben, werden die zahlreichen Flaschen zerschnitten, um sie kompakt lagern zu können. Andere Verpackungen werden mit Salzwasser gereinigt, separat gesammelt und dann noch komprimiert. Bisher klappt das sehr gut.
Die letzten 24 Stunden mussten wir leider unter Motor zurücklegen, denn der Wind ist immer noch sehr schwach. Bei niedriger Drehzahl (um Diesel zu sparen) haben wir so 88 sm geschafft. Per Satelliten-Mail hören wir vom Odyssey-Büro, dass schon einige aus unserer Gruppe überlegen, einen Tankstopp auf den Kapverden einzulegen. Wir denken auch darüber nach und kommen unabhängig voneinander zum Ergebnis, weiter zu fahren. Ab Freitag soll segelbarer Wind kommen und wir haben erstaunlich wenig Diesel verbraucht.

Mittwoch, 22. November 2017

Atlantik 4: Wale und Delfine

Meine Wache ist jeweils von 12:00-04:00 (Tag und Nacht) und daher liege ich Vormittags in meiner gemütlchen Koje. Auf einmal höre ich Ralf rufen: „Cosima, bist du wach, da sind Orcas!" Aus dem Bett, Kamera greifen, Niedergang hoch und ins Cockpit… aber leider sehe ich nur noch zwei spitze Rückenflossen in der Ferne verschwinden. Ralf berichtet, dass er zuerst den Blas gehört hat und dann erst einmal ein Orca unangenehm dicht am Boot vorbeischwamm und sogar unter der Triton hindurchtauchte, so dass Ralf sich schon Gedanken machte, ob er vielleicht am Ruder oder an der Selbststeuerannlage hängenbleiben würde. Dann kam auch noch ein zweiter hinzu und nach einigen Runden haben die beiden wohl beschlossen, dass wir weder als Beute noch als amuröser Partner geeignet sind…
Aber von Anfang an: gestern Mittag haben wir erst einmal Pauls Geburtstag mit Bananen-Brownies, LED-Kerze, Crew-Shirts, Happy Socks, Schokolade und einem Brief von Leonie gefeiert. Unser Iridium-Telefon piepste oft, da diverse Glückwunsch-SMS von Familie und Freunden eintrafen. Teilweise sind die Nachrichten nach wenigen Zeichen abgeschnitten, wir wissen nicht warum, so dass wir den Absender nicht immer lesen konnten. Vielleicht im Text keine Zeilenschaltung verwenden? Auf jeden Fall auch auf diesem Weg Grüße und Dankeschön von Paul, er hat sich sehr gefreut.
Wir haben uns mittlerweile gut an die Bordroutine und die Wachen gewöhnt. Wenn ich um 12:00 Uhr die Wache übernehme, ist meine erste Tat die Position und die zurückgelegte Strecke ins Logbuch zu schreiben und in der Papierseekarte einzutragen (diesmal 96 sm). Wir schalten unseren Tracker an, um die Position auch über Satellit zu melden. Dann gibt es etwas Kaltes zu essen. Während meiner Schicht schreibe ich mein Blog und maile unsere Position auch an Wetterwelt, die dann den Bereich der Vorhersagekarten entsprechend anpassen.
Unsere warme Hauptmahlzeit gibt es schon um 18:00 Uhr, weil es da noch hell ist und wir essen alle zusammen. Dann wird noch abgespült und ggf. die Segel für die Nacht angepasst. Um 19:00 Uhr ist es schon ganz dunkel. Für Paul gab es gestern nach dem Essen noch ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk: eine Schule von sechs Delfinen begleitete uns eine ganze Weile und spielte um unseren Bug. In einiger Entfernung sprangen zwei weitere komplett aus dem Wasser und vollführten Kunststücke wie im Loro Parque!
Außerdem kam doch noch etwas Wind auf, so dass wir durch die Nacht segeln konnten, zwar nicht ganz in die gewünschte Richtung, aber immerhin. Wieder gab es einen fantastischen Sternenhimmel, sogar mit Sternschnuppen – ich liege im Cockpit und schaue hinauf ins Universum und muss mich manchmal kneifen, um zu bestätigen, dass ich das wirklich erleben darf.

Dienstag, 21. November 2017

Atlantik 3: Geburtstag auf 20 Grad

Vor vielen Jahren ist mein Bruder Jens zu einem Segelurlaub mitgekommen. Auch an seinem 20. Geburtstag waren wir auf See: 80 sm von Klintholm nach Bornholm. Ziemlich genau nach Osten und da wir damals ein kleines Boot hatten, haben wir für die Strecke 20 Stunden gebraucht. Ich denke mal, diesen Geburtstag hat er bestimmt nicht vergessen. Jedenfalls ist er meines Wissens danach nie wieder Segeln gegangen…
Ich gehe davon aus, dass auch Paul seinen 20. Geburtstag nicht vergessen wird, insbesondere auch weil wir kurz nach Mitternacht passenderweise den 20. Längengrad überquert haben. Das war dann auch gleich ein Grund, die erste von unseren 10-Grad-Tüten zu öffnen. Ich habe für die 10er Längengrade, für das Bergfest und für Nikolaus jeweils ein paar Süßigkeiten eingepackt. Die Crew freut sich über den Fortschritt und über den Zuckerstoß, denn Schokolade (und Nutella und Äpfel) sind streng rationiert.
Etwas Aufheiterung war auch gut, denn etwa gleichzeitig mussten wir mangels Wind den Motor anmachen. Das wollen wir natürlich möglichst vermeiden, einmal, weil wir Segler sind, aber auch, weil wir mit unseren Ressourcen vorsichtig umgehen müssen. Wir können mit unseren Dieselvorräten auf keinen Fall den ganzen Weg fahren. So brummt der Motor jetzt mit etwas über Leerlaufdrehzal und schiebt uns langsam voran. Von unserem Etmal von 85 sm haben wir nur 45 unter Segeln zurückgelegt.

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Montag, 20. November 2017

Atlantik 2: Langsam, aber stetig

Wir wussten ja schon beim Wegsegeln, dass der Wind nicht besonders stark sein würde und so war es keine Überraschung, dass wir am 2. Tag nur 90 sm gesegelt sind. Trotzdem war immer Fahrt im Schiff und die Triton zieht ihre langsame Bahn durch das unglaublich blaue Wasser oder unter einem Himmel aus schwarzem Samt mit mehr Sternen als ich je zuvor gesehen habe.
Die Tage der Vorbereitung an Land waren anstrengend und komplex mit einer langen To-Do-Liste, neuen Herausforderungen, z.B. was und wo wir genau kaufen und wo und wie es im Schiff gestaut wird, unerwarteten Problemen, wie dem angescheuerten Fall, das dann noch repariert werden musste, verschiedenen Terminen, Ideen in letzter Minute, wie noch schnell Crew-Shirts drucken zu lassen und teilweise angespannter Stimmung an Bord.
Das ist jetzt alles vorbei. Das Leben ist einfach geworden. Der Tag läuft nach einem geregelten Rhythmus ab, das Ziel ist eindeutig, die Aufgabenverteilung klar. Was nicht da ist, kann nicht mehr besorgt werden. Entscheidungen werden direkt und situationsbezogen getroffen und die Auswirkungen sind sofort zu sehen. Da hilft eben nur die Gelassenheit, die Dinge so hinzunehmen, wie sie sind, denn das einzige, was geändert werden kann, ist die Einstellung. Ich finde das sehr befreiend.
Fazit: Das Leben ist einfach geworden

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Sonntag, 19. November 2017

Atlantik 1: So kann es bleiben

Unsere Tage beginnen ab jetzt jeweils um 12:00 Uhr Mittags, denn um diese Zeit sind wir in Teneriffa aufgebrochen. Wichtig ist für uns das (aus Kreuzworträtseln bekannte) Etmal, die Strecke, die unser Schiff in 24 Stunden zurücklegt. Wir streben eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5 kn an, also ein Etmal von 120 sm. Bis 100 sm ist es für uns OK, über 120 ein Grund zur Freude.
Und Grund zur Freude haben wir reichlich. Nicht nur die 125 sm in den ersten 24 Stunden, sondern auch das wunderbare Wetter (Sonne, 26 Grad), Wind von schräg hinten (wir konnten teilweise mit Gennaker fahren) und moderate Wellen, bei denen das Leben, Essen, Schlafen und die Toilette benutzen ohne artistische Fähigkeiten möglich ist.
Immer einer von uns hat Wache, also sitzt im Cockpit und korrigiert wenn erforderlich den Kurs, den Sir Henry (unsere Wind-Selbststeueranlage) fährt, trimmt ggf. die Segel, passt auf andere Schiffe und Wetteränderungen etc. auf. Für größere Segelmanöver wird dann Hilfe geholt.
Wenn wir nur zu zweit sind, bedeutet das, alle 3-4 Stunden Wachwechsel und insgesamt 12 Stunden Dienst, dazu noch die Manöver, Kochen, Spülen, Körperpflege… also wird die Freizeit überwiegend zum Schlafen genutzt. Jetzt mit Paul an Bord haben wir feste Wachen von jeweils 4 Stunden eingeteilt und dann gibt es wunderbare 8 Stunden frei. Wir merken jetzt schon: wesentlich angenehmer!
Fazit von Tag 1: So kann es bleiben!